Erinnerungen: Mein Tag als die Mauer fiel

Bert OlsenBert Olsen Foto: ganz-hamburg.de

 von Bert Olsen
Ich habe einen guten Freund, mit dem ich mich häufig über Filme und Geschichten austausche. Regelmäßig schicken wir uns Links zu oder teilen Inhalte. Neulich sandte er mir einen YouTube-Link mit der Bemerkung: Tolle Geschichte, gut umgesetzt und ausgedacht. Natürlich sah ich mir den Film an, er handelte von vom Mauerfall. Sie erinnerte mich an meine ganz eigene Geschichte zum Thema Mauerfall.

Der Tag an dem die Mauer fiel

Zu dieser Zeit, also vor 25 Jahren, hatte ich beruflich mehrmals im Jahr Termine im damaligen Westberlin. Die Bahnverbindungen waren grauselig, der Interzonenzug zuckelte stundenlang über die ausgeleierten ungepflegten Reichsbahngleise von Hamburg nach Berlin. So war der Weg über Transitautobahn und Gudow der bequemere Weg. Natürlich waren die Grenzkontrollen der Vopos niemals angenehm. Man spürte den kalten Hauch der Staatsmacht und wusste, alles war auf maximales verhindern von Fluchtversuchen, Schikane, Kontrolle und Verunsicherung der Reisenden angelegt. Dazu das stumpfe Grau der Anlagen, grelles Neonlicht und die schlechtsitzenden, billigen Uniformen der Grenzer und ihr unwilliger nur vordergründig korrekter Ton. Eigentlich war jeder froh, wenn er die Grenzübergangsstelle passiert hatte und dann mit eisernem Blick auf den Tacho, genau mit Tempo 100 – denn es drohten empfindliche Bußgelder(!) –  die Transitstrecke zurücklegte. Fahrerlebnis war definitiv etwas anderes. Abwechselung brachte da nur ein Besuch in der Mitropa-Raststätte mit den für uns Westler lustigen Ost-Preisen, die natürlich mit harter DM bezahlt wurden, und ein kurzer Abstecher in den Intershop. West-Zigaretten und -Spirituosen waren hier halt preiswerter.

 

Am 09. November 1989 war ich in Berlin zu einer Firmenkonferenz in Schöneberg in der „Pumpe“, einem Veranstaltungszentrum, eingeladen. Wir hatten eine umfangreiche Tagesordnung, die aber schnell abgearbeitet wurde. Was im Osten Berlins vorging ließ uns alle nicht kalt, aber wie heißt es so schön, erst die Arbeit und dann…. Es sickerten immer mehr Meldungen herein, wie wild bewegt es gerade auf der anderen Seite der Mauer war. Später kam dann die Nachricht: Die Mauer wird geöffnet! Obwohl es nicht aus heiterem Himmel kam, es war doch unfassbar. Für uns alle waren Mauer und Zonengrenze ein Bauwerk/Bollwerk für die Ewigkeit. Undenkbar, dass sie plötzlich durchlässig werden und die SED die Grenzen öffnen würde.

Aber, in dieser Nacht wurden sie es und wie es wurde war wirklich gut so. Was soll ich sagen, unsere Tagung wurde aufgelöst und viele machten sich auf zur Mauer um ihren Fall live zu erleben. Ich hatte keine Übernachtung in Berlin eingeplant und so fuhr ich zum Grenzübergang nach Stolpe. In diesem historischen Moment war mir einfach das Nachhause fahren wichtiger. Bestimmt war mein blauer Peugeot 505 eines der ganz wenigen Autos, das von West-Berlin nach Westdeutschland fuhr. An der Grenze in Stolpe waren die Grenzer wie ausgewechselt und winkten mich fast durch. Das allein hätte schon diesen Tag unvergesslich gemacht. Aus dem Brandenburger Umland stauten sich die Trabis, Wartburgs, Ladas und Busse kilometerlang, alle wollten nach West-Berlin. Ich hoffte in diesem Moment nur, hoffentlich ist in Gudow (der westliche Grenzübergang in Schleswig-Holstein) nicht so viel los. Aber, ich hatte „Glück“ und kam auch hier ungewohnt superzügig durch. Um halb zwölf war ich dann wieder in Hamburg bei meiner Familie. Meine Frau hat sich nur gewundert, dass ich an diesem historischen Tag einfach heimfuhr. Handys für Anrufe von Unterwegs gab es damals noch nicht.

Dann, ein paar Jahre später passierte noch etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich arbeitete in Berlin, wollte mein Team vergrößern und führte schon seit einigen Tagen nachmittags Bewerbungsgespräche. Es war mein letztes Gespräch für diesen Tag und der letzte Bewerber. Die Tür öffnete sich und ein schlanker Mann, Anfang Dreißig, trat ein. Wir begrüßten uns und zur Gesprächsunterstützung schaute ich in seine Vita.

Oh, sie waren bis Ende 1990 bei Grenztruppen, bemerkte ich nach der Gesprächseinleitung eher beiläufig. Mir schien es so, dass mein Gegenüber schluckte, ein wunder Punkt, es könnte durchaus ja ein K.O.-Kriterium sein. Ja, sagte er, eigentlich wollte ich etwas mit EDV machen, aber das ging damals nur, wenn ich mich bei der Fahne verpflichten würde. So bin ich an der Grenze gelandet und habe Dienst in Stolpe gemacht. Dabei schaute er mich dann etwas länger an. „Sagen Sie mal, waren Sie zu Wendezeiten in Berlin?“ Ich bejahte das und ich war sogar in Berlin als die Mauer fiel. Nun stutzte mein Bewerber. „Was für ein Auto fuhren sie damals?“Einen Peugeot 505, blaumetallic…“ (ein eher seltener Autotyp in Deutschland).

Ein Lächeln ging erstmals über sein Gesicht. „Mit einem Hamburger Kennzeichen…?“Ja, natürlich, ich habe damals in Hamburg gewohnt.“  Im stillen wunderte ich mich etwas über seine Fragen, ungewöhnlich für ein Bewerbungsgespräch, aber nun gut. Mit breiter Stimme kam dann: „Dann sind Sie wohl das!“ „Was, bin ich?“ erwiderte ich erstaunt. „Sie sind am 09. November so gegen 21.00 über die GüSt Stolpe von Berlin West in die BRD gefahren und ich habe sie abgefertigt. Da bin ich mir ganz sicher. Mehr als fünfzehn Transitreisende hatten wir an diesem Abend nicht. Für uns war das alles verrückt und ungewöhnlich, nichts war mehr so wie es war.“ Erst staunte ich, dann musste lachen: „Ja, das war eine verrückte und schöne Zeit. Sie haben mich wiedererkannt. Jetzt treffen sich Reisender und Grenzer wieder.“ Wie es so kam, mein „Grenzer“ überzeugte unsere Firma als Bewerber und hat den Job bekommen. Wir sind zwar beide nicht mehr in diesem Unternehmen tätig, aber immer noch über Facebook und Xing immer noch in Kontakt. Viel ist seitdem passiert, unsere Kinder sind erwachsen geworden und an die Grenze erinnern nur noch Überreste. Aber, wenn ich das ehemalige Grenzgebiet bei Gudow, jetzt ist ein großes Gewerbegebiet, oder Stolpe mit dem Auto passiere muss ich immer noch an die Grenze und an die Nacht des Mauerfalls denken.

Die E-Mail meines Freundes habe ich so beantwortet: Weißt Du, die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Ich denke, die Geschichte in dem Youtube-Video hat sich so zugetragen! Ein paar Tage später haben wir uns zu einem unserer regelmäßigen Essen in einem portugiesischen Fischrestaurants am Hafen getroffen. Bei einigen Gläsern Sagres Bier habe ich ihm dann von meiner Mauerfallnacht berichtet. Wir haben herzhaft darüber geschmunzelt.

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