Ausgerechnet in einer Krisenzeit will Dat Backhus wieder in die Gewinnzone

Strassenansicht der DAT BACKHUS Filiale in Hamburg VolksdorfDat Backhus Filiale Volksdorf © ganz-hamburg.de

Dat Backhus ist in der Insolvenz. Schafft Hamburgs größte Bäckereikette in der Corona-Krise den Turnaround?

Der Corona-Lockdown wirkt auf viele Unternehmen wie ein Brandbeschleuniger. Brandherde, die in schwachen Unternehmen schon über längere Zeit schwelten, werden zum Feuer, dem dann die Unternehmen zum Opfer fallen.

Dieser betriebswirtschaftliche Lehrsatz trifft vielleicht auch auf das Dat Backhus zu. Über zig Jahre haben sich die Probleme gehäuft. Wie die Hamburger DIE ZEIT berichtet, liegt jetzt ein Rettungsplan vor. Wenig überraschend soll das Filialnetz verkleinert und Mitarbeiter abgebaut werden.

Insolvenzverwalter haben eine starke Verhandlungsposition, sie können wesentlich leichter bestehende Verträge kündigen bzw. nachverhandeln oder einfacher Personal abbauen. Besonders in Unternehmen mit festgefahren verkrusteten Strukturen ist das ein Vorteil. Allerdings auch eine Sanierung mit einer groben Axt. Die Rezepte der Insolvenzverwalter bedeuten für das Unternehmen eine Rosskur. Wenn der Kern gesund ist, überlebt das Unternehmen, wenn nicht, dann wird meist das Sterben um eine gewisse Zeit verlängert.

Dat Backhus:
Jede sechste Filiale wird geschlossen

Mit einem klassischen Dreisatz wollen Insolvenzverwalter Stefan Denkhaus (Kanzlei BRL) und der aktuelle Geschäftsführer Svend Wöhr das Dat Backhus wieder flott machen. So oder so, viele werden wohl danach #Futschi sagen können.

Die Filialnetz wird eingedampft

Das Filialnetz wird von 119 wird um jede sechste Filiale auf 99 Filialen eingedampft. Was Branchenkenner vermutet haben, scheint sich zu bestätigten. Im Expansionsdrang wurden zu hohe Ladenmieten, die man nicht erwirtschaften konnte, akzeptiert.

Bei weiteren neun Prozent der Filialen wird über Mietnachlässe verhandelt. Sollten die Vermieter sich nicht bewegen, dann ist die Alternative Verkauf oder Schließung. Wenn diese 11 Filialen wegfallen würden, wäre die Kette insgesamt um rund ein Viertel geschrumpft.

Wenn schon Wohnungsmieten in Hamburg hoch sind, Ladenmieten toppen das locker. Bis zu 200 Euro/Quadratmeter fordern heute Vermieter in Toplagen. Da kommen schnell 25 – 50.000 Euro Miete im Monat ohne Nebenkosten (!) zusammen.

Kräftiger Personalabbau

Schon jetzt während des Corona-Lockdowns ist die Belegschaft um acht Prozent ohne Kündigungen, denn befristete Verträge wurden nicht verlängert, gesunken. Im Verkauf will der Insolvenzverwalter die meist weibliche Belegschaft um 20% von 750 auf 600 Mitarbeiter reduzieren.

Pleiten haben häufig ähnliche Ursachen

Vorne hui und hinten wohl eher ein Na Ja…‚ Dat Backhus expandierte und eröffnete immer mehr neue Filialen. Aber, es scheint, dass das eine Flucht nach vorn war. Die Zahlen die DIE ZEIT nennt, deuten auf diesen Schluss hin. Denn seit sieben Jahren sollen keine operativen Gewinne mehr erwirtschaftet worden sein. Dem Vorjahresumsatz von 63 Mio. Euro stand wohl ein Verlust in siebenstellige Höhe entgegen. Nicht verwunderlich, dass die finanzstarke Mutter Bartels-Langness (Bela u.a. famila, Markant, Steiskal, Backring Nord) auf die Notbremse getreten ist.

Die nächste Standard-Situation in Betrieben die Verluste machen, heißt es Kosten sparen und das Sortiment straffen. So wurden Preise erhöht, Produktqualitäten reduziert und es sind auch beliebte Sorten aus dem Angebot geflogen. Die Folge, Stammkunden sind abgewandert. Die Quittung: Allein im letzten Jahr gingen bei der Bäckerkette eine Million Kundenkontakte, die für vier Millionen Umsatz gut waren, verloren.

Auch im Geschäft mit preissensiblen Großverbrauchern (Hotels, Gastronomie, Kantinen, Krankenhäuser) musste die Bäckerkette Rückschläge hinnehmen. Nach einer Preiserhöung sprangen Kunden ab. Das kostete nicht nur Umsatz, dadurch sank auch die Auslastung des Backbetriebes.

Warum die Eigentümer, die mit der Bäckereikette Steiskal in Kiel, eine zweite Bäckerei besitzen, diese nicht zusammengelegt haben liegt nicht auf der Hand. Hier wurde eine Effizienzreserve, aus welchen Gründen auch immer, nicht aktiviert. Oder, war die Lage in Hamburg schon so verfahren?

Auch die Fluktuation in den Filialen, obwohl Tarif gezahlt wurde, stieg um 60%. Für Personaler ein ganz schlechtes Zeichen. Neue Mitarbeiter zur rekrutieren geht nicht zum Nulltarif, Training sowie Einarbeitung kosten Geld. Ständig wechselndes Personal gilt als Gift für die Kundenbindung. Gerade Stammkunden schätzen es, wenn das Verkaufspersonal gut eingearbeitet ist und das Sortiment kennt.

Kleine Brötchen backen – so soll weitergehen

Im Firmensitz gibt man sich optimistisch, schon im nächsten Jahr meint man, dass man in die Gewinnzone nach sieben Jahren Verluste zurückkehren kann. Ob das so einfach möglich ist?

Besonders der Kaffeeverkauf und das Snackgeschäft sind für Bäckereien viel lukrativer als Brot, Brötchen und Backwaren. Hier will das Dat Backhus mit neuen Angeboten Kunden gewinnen und mehr Umsatz machen.

In Shoppingcentern hat sich die Kundenfrequenz verringert

Wie sich der Außerhaus-Konsum und das Snackgeschäft, die beide in der Corona-Zeit weitestgehend eingebrochen sind, zukünftig entwickelt ist offen.

Ob gerade Filialen, deren Einzugsgebiet in Bürogegenden liegt, wieder umsatzstark werden, ist fraglich. Es ist offen, wie viele Mitarbeiter weiter im Home Office tätig sein werden. Immobilienexperten rechnen mit einer Zunahme des Home Office-Anteils und prognostizieren eine sinkende Nachfrage nach Geschäftsimmobilien aus.

Ein Fragezeichen muss auch bei Filialen in Shopping-Centern gesetzt werden. In den Centern ist die Kundenfrequenz deutlich eingebrochen und wie schnell das Niveau vor der Corona-Krise erreicht wird ist schwer prognostizierbar, denn der Trend zum Web hat sich sogar beschleunigt. Dazu kommt, gerade Shoppingcenter fordern häufig hohe Mieten.

Preissensibles Großverbrauchergeschäft

Im Großverbrauchergeschäft sollen Kunden zurückgewonnen werden. Doch das ist einfacher gesagt als umgesetzt. Zumeist werden Jahresverträge abgeschlossen. Wie die selbst schwer angeschlagene Hotellerie und Gastronomie im nächsten Jahr aufgestellt ist, wissen nicht einmal Branchen-Spezialisten. Auf jeden Fall gilt hier, der Preis ist heiß. Nur Kostenführer (Betriebe mit den geringsten Produktionskosten) machen in diesem Mengengeschäft Gewinn. Doch ist das Dat Backhus ein Kostenführer? Hat es den effizientesten Produktionseinrichtungen?

Das Unternehmen ist in der Bieterphase

Jetzt ist die übliche Bieterphase bei insolventen Unternehmen angesagt. Als erstes werden für 20 Verlustfilialen Käufer gesucht. Weiterhin steht das ganze Unternehmen zum Verkauf.

Bäcker domminieren den Backwarenmarkt schon lange nicht mehr. Discounter, Supermärkte, und Spätis/kleine Backshops haben in Hamburg einen Umsatzanteil von 60%. Bei Aldi und Lidl sind die Preise besonders niedrig. Das setzt alle Handwerksbäcker unter enormen Preisdruck.

In Hamburg dominieren vier Bäckereiketten den Markt. Hinter dem Marktführer das DAT Backhus kommt vonAllwörden / Nur Hier (100 Franchise-Nehmer). Auf Platz drei steht der Junge aus Lübeck mit 50 Filialen. Aktuell wurde die Stadtbäckerei von den Lübeckern übernommen. In dem Quartett ist die Schanzenbäckerei von Gürol Gür (30 Filialen) der Aufsteiger und das jüngstes Unternehmen. Gürol Gür hat vor seiner Selbständigkeit im Dat Backhus gearbeitet.

Für diese drei wäre, bei einem entsprechenden Kaufpreis, die Übernahme interessant, denn auf einen Schlag hätte man dann eine schwer einholbare Marktführerschaft. Zumal, eines größten Probleme, das zu teurere Filialnetz zum einem guten Teil gelöste sein würde.

Es kann auch sein, dass der bisherige Eigentümer Bela wieder engariert. Sinnvoll könnte es wohl sein. Mit der Insolvenz hätte man dann die Hamburger Bäckereikette auf die harte Tour entschlackt, hohe Mieten reduziert, Personal gespart und sich insgesamt neu aufgestellt.

Doch noch ist alles offen und bei Unternehmenskäufen wird immer gepokert.

Bitte folgen und liken Sie ganz-hamburg.de