Ladenschluss – Wir dürfen unsere Innenstädte nicht aussterben lassen

Leerstand im Neuen Wall © Norbert Schmidt

Handel ist Wandel, doch durch den Siegeszug des Online-Handels erleben wir nicht nur in Deutschland einen vollkommen Umbruch in der Handelslandschaft. Ob Einkaufscenter, -passagen, die Hamburger City oder die Einkaufsstraßen in den Stadtteilen. Nicht nur die inhabergeführten Fachgeschäfte auch die Handelsketten spüren den Strukturwandel. Fast alle Geschäfte und Handelstypenleiden unter einer Klientel, die lieber online einkauft. Diese Entwicklung hat durch die Corona-Krise noch mehr Fahrt aufgenommen. Conrad Elektronik schließt alle Filialen und konzentriert sich auf die Online-Vertrieb. Clas Ohlson und der Sportartikelhändler Stadium haben ihren Geschäftsbetrieb eingestellt. Die
Büromarktkette Staples ist pleite uns schließt in Hamburger Metropolregion allein zehn Filialen. Selbst die Nobel- und Luxusmeile Neuer Wall verzeichnet deutlich sichtbaren Leerstand.

Vitalisieren Pop up Shops, Sozialläden oder temporäre Kunstgalerien wirklich klassische Einkaufsstraßen?

Die Diversität des Einzelhandels und mit ihm das Flair der Innenstädte stehen auf dem Spiel. In Hamburg geschieht eine Menge um die City, wie z.B. die Sommergärten-Aktion, attraktiv zu machen.

Doch was soll mit all den leerstehenden Ladenlokalen geschehen? Und wichtiger, wie kann die bestehende Struktur gestärkt werden? Denn eines ist ganz klar, die Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen.

ganz-hamburg.de hat mit Heinrich Lappe gesprochen. Der erfahrene Gastronom und Einzelhändler setzt alles daran, damit diese Frage hypothetischer Natur bleibt. In folgendem Interview haben wir ihn gefragt, was jetzt zu tun ist, um aktiv Kunden zurückzugewinnen.

ganz-Hamburg sprach mit Heinrich Lappe, dem Gründer von Stadtbekannt

Herr Lappe, dass die Innenstädte aussterben und zusehends von großen Handelsketten dominiert werden, ist nicht zu leugnen. Wo konkret sehen Sie den Handlungsbedarf?

In Hamburg wurde das Problem schon sehr früh erkannt. Hier haben wir seit 2005 das  Gesetz zur Stärkung von Einzelhandel, Gewerbe und Dienstleistung, durch das die BIDs (Business Improvement Districts) entstanden. Hier sind gezielt einzelne Stadtviertel gestärkt worden, weil Untersuchungen zeigten, dass auch in einer Großstadt die Einwohner am liebsten in ihrem Quartier verkehren. Das Konzept ging sehr gut auf, weil alle Beteiligten wie Einzelhändler, Gastronomen etc. an einem Strang zogen. Wenn jeder nur für sich kämpft ist klar, dass man gegen die großen Shoppingcenter nicht ankommt.

Wie gut ist dieses Hamburger Modell auf andere Städte übertragbar?

Genau das ist das Ziel der App Stadtbekannt. Viele Bürger wissen oft gar nicht, welche Geschäfte den Bedarf in ihrer Nähe eigentlich decken könnten und bestellen deswegen online. Mit Stadtbekannt können Geschäftsinhaber auf ein Marketing-Tool zurückgreifen. Alle Interessenten im Einzugsgebiet erhalten dann Informationen über aktuelle Angebote und Neuigkeiten. Zugleich werden die Angebote auch in den sozialen Medien der Region verteilt. Wir wollen damit auch den Zugang der Einzelhändler zur Online-Welt erleichtern, da vielen nach wie vor das nötige Rüstzeug in Sachen Digitalisierung fehlt. Denn wenn wir realistisch sind: Es ist für viele, kleinere Läden schlichtweg unmöglich, eine eigene Online-Präsenz aufzubauen.

Stadtbekannt App - Screenshot
Screenshoot der App Stadtbekannt

Mit der App Stadtbekannt den lokalen Handel stärken

Die App Stadtbekannt gibt es also mittlerweile deutschlandweit?

Genau. Sie können es als eine Art virtuelle Pinnwand verstehen, auf dem die einzelnen Unternehmen für einen vergleichsweise geringen Obolus ihr Angebot regional publik machen. Jeder, der in Besitz eines Smartphones ist und die App installiert hat, wird dann informiert. Das Konzept soll für beide Seiten eine gewisse Bequemlichkeit ermöglichen, die die des reinen Online-Handels in manchen Bereichen sogar noch übertrifft.

Für welche Branchen gilt das Ihrer Meinung nach?

Bei manchen Produkten, wie beispielsweise Lebensmitteln, geht es nur durch eine Mischung von analoger und digitaler Welt. Gerade hier nehme ich aber schon eine gewisse Kehrtwende in der Mentalität der Kunden wahr, die verstärkt auf Regionalität und Saisonalität setzen. Hier sehe ich auch unbedingt ein vergrößertes Potenzial dadurch, dass die Anbieter sich zusammentun, um ein gemeinsames größeres Sortiment zu schaffen. Das ist einigen beim Hamburger BID-Projekt wirklich hervorragend gelungen.

Eppendorfer Baum in Hamburg. Parkende Autos, Passanten und Geschäfte
Der Eppendorfer Baum eine beliebte und vielfältige Einkaufsstraße © Norbert Schmidt

Die City und Einkaufsstraßen attraktiv machen

Nun profitieren die Innenstädte ja nicht nur von einer Diversität der Geschäfte, es gibt auch noch andere Gründe für die Menschen, in die Stadt zu gehen.

Das ist absolut richtig, und die von mir genannten Konzepte wie BID und die App Stadtbekannt werden alleine die bekannten Probleme nicht lösen können. Ich begreife sie aber dennoch als einen wichtigen Schritt, um beide Seiten, sowohl Geschäftsinhaber als auch Kunden, wieder zu motivieren. Es geht darum, wieder Motivation dafür zu schaffen, regionale Produkte oder solche, die man wirklich besser vor Ort im Geschäft als online kauft, anzubieten.

Doch bin ich mir gewiss auch der unternehmerischen Risiken bewusst und hier nehme ich auch die Politik, sowohl kommunal als auch auf Landes- und Bundesebene in die Pflicht. Hier gibt es noch viel zu viele Vorschriften, die den Einzelhändlern ihr Business unnötig erschweren. Und die großen Global Player, die ihre Zentralen in weiser Voraussicht in Steueroasen errichtet haben, sind fein raus. So kann es nicht weitergehen. Erst recht dann nicht, wenn diese riesigen Online-Händler immer wieder wegen sehr zweifelhafter Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen geraten.

Heinrich Lappe der Gründer von Stadtbekannt
Heinrich Lappe der Gründer der App Stadtbekannt Foto: Privat

Über Heinrich Lappe

Heinrich Lappe war bereits in über 25 unterschiedlichen Berufen tätig und sammelte dadurch umfassendste Erfahrungen. Als Gastronom war er 15 Jahre in Hamburg und auf Mallorca aktiv. Um Einzelhandel und Kundschaft miteinander zu vernetzen, gründete er die App “Stadtbekannt”. Für Unternehmen bringt die App für vergleichsweise wenig Geld einen hohen Bekanntheitsgrad. Die Nutzer erhalten durch sie gratis ein breit gefächertes, lokales Angebot mit vielen Vorteilen. Vereine, Kulturinstitutionen, regionale Radiosender und die Presse sind ebenfalls mit beteiligt und runden das Angebot ab.

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