High Speed Lieferdienste: Setzt sich in Hamburg die Dienstboten-Ökonomie durch?

Ein Gorilla Rider liefert aus, PR-Foto von Gorillas

Ein großes Fragezeichen für High Speed Lieferdienste in Hamburg. Werden sie wirtschaftlich sein und sich durchsetzen?

Sie heißen Gorillas oder Flink und werben massiv. Ihr Versprechen: In den innenstädtischen Stadtteilen ganz kurzfristig Lebensmittel, Getränke, Kioskartikel und Produkte des täglichen Bedarfs blitzschnell an die Haustür zu liefern. Finanzinvestoren sind auf das Geschäftsmodell abgefahren. Tatsächlich hat die Corona-Pandemie kräftig bei der Entwicklung geholfen.

Doch das Konzept ist sehr personalintensiv. Die Fahrer stehen unter einem enormen Arbeits- und Zeitdruck und die Entlohnung ist auch mager. In Berlin gab es richtig Zoff und die Fahrer haben wild gestreikt. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist dieser Markt in Deutschland wenig entwickelt. Hinzukommt, Deutschland ist ein Hochlohnland, das macht die Zustellung kostenaufwändig.

Ein weiterer Faktor ist der intensive Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel und die deutsche Discount-Kultur. In keinem anderen Land sind die Preise, dank des intensiven Wettbewerbs im Handel und der vielen Discounter, so niedrig wie in Deutschland. Außerdem sind deutsche Verbraucher besonders preisbewusst. Das bedeutet, im internationalen Vergleich hat Deutschlands die kleinesten Handelsspanne (Margen).

Infografik internationaler Vergleich, Lebensmittel aus dem Netz
Internationaler Vergleich: Lebensmittel aus dem Web Quelle: Statista

Geht die Kalkulation der High Speed Lieferdienste wirklich auf?

Schon eine sehr grobe Kalkulation zeigt, wie eng das Geschäftsmodell eines High Speed Lieferdienstes ist.

  • Der Lieferdienst Gorillas und flink verlangen 1,80 Liefergebühr.
  • Wenn nur der Stundenlohn eines Fahrers von ca. 11 Euro refinanziert werden soll, dann müssen sechs Lieferungen in einer Stunde geschafft werden. Da in 10 Minuten die Zustellung erfolgen soll, sind mehrere Empfänger auf einer Tour schwierig.
  • Gorillas selbst nennt einen durchschnittlichen Bestellwert von rund 30 Euro als Ziel. Der durchschnittliche Bruttoertrag liegt bei Lebensmittel bei 20-22%. Allerdings setzt das gute Einkaufspreise, durch entsprechende Abnahmemengen sowie Konditionen, voraus.
    Wenn ein Kunden für 30 Euro bestellen würden, dann beträgt die Marge rund 6 Euro minus 7% MwSt und Plus 1,80Euro Liefergebühr, die dem High Speed Lieferdienst als Rohertrag verbleiben. Davon muss die ganze Firma (Personal, Verwaltung, IT, Mieten, Marketing, Steuern, Abgaben etc.) finanziert und ein Gewinn gemacht werden.
  • Die Fahrradanlieferung limitiert die Bestellmenge und somit auch den Umsatz pro Kunde.
  • Das große Problem:
    Mehr Umsatz bedeutet auch ganz schnell mehr Fahrer und Personal. Denn, der Skalierungseffekt ist eher klein und die Kosten steigen. Stationäre Händler haben zwar relativ hohe Standortkosten, aber dank ausgefeilter Logistik und eines personalsparenden Ladenkonzeptes, einen vergleichsweise sehr geringen Personalbedarf. Es dauert relativ lang bis Mehrumsatz einen höheren Personalaufwand erfordert.
  • Andere erfolgreiche Home Delivery Services, wie z.B. Pizzadienste, arbeiten mit Franchisenehmern Häufig sind das Familienbetriebe, in der die ganze Familie mitarbeitet. Sie können mit ganz anderen Personalkosten kalkulieren.

Das Ziel der High Speed Home Delivery Dienste ist es, sehr rasant zu wachsen und Marktführer zu werden. Dafür werden hohe Anlaufverluste in Kauf genommen. Eine andere Strategie ist eher schwer umsetzbar. Höhere Preise sind schwer zu verlangen, denn die Lieferdienste versprechen ein Supermarktpreisniveau. Jedoch, die für Supermärkte übliche Mischkalkulation über einen breiten Warenkorb und Spontankäufe im Laden funktioniert bei den schnellen Lieferdiensten aber nicht. Es wird interessant zu sehen, wie diese Lieferdienste diese Herausforderung lösen. Genau diese Fragen werden sich schlaue Investoren auch gestellt haben. Ihre positiv Antwort sie die High Speed Lieferdienste zu Unicorns (Börsenbewertung über 1 Mrd. $) gemacht.

High Speed Home Delivery Hamburg

  • Aktuell liefert Gorillas in Hamburg in Teilen von Barmbek, Eimsbüttel/Stellingen, Hoheluft, Sternschanze – St. Pauli, Ottensien und Winterhude aus.
  • Flink, der wird von REWE unterstützt wird, hat sein Hamburger Liefergebiet in Altona, Bahrenfeld, Sternschanze, Stellingen, Großborstel/Eppendorf, Winterhude/Barmbek. Wobei die Gebietskarte auf dem Desktop leider lieblos und nicht besonders aussagefähig gestaltet ist. Aber bestellt wird über die Smartphone App.
  • Der Lieferdienst Picnic mit niederländischen Wurzeln wird von EDEKA unterstützt und ist bis jetzt nur in Nordrhein-Westfalen aktiv.

Beide Home Delivery Dienste geben an, im Sortiment rund 1.000 Artikel zu haben. Bei einer Bestellung werden zur Zeit 1,80 Euro Gebühr fällig. Jedoch umweltfreundlich ist so eine Art Lieferdienst gegenüber einen selbst getätigten Einkauf wohl kaum. Für die Serverinfrastruktur wird Strom benötigt. Die Herstellung von E-Bike Akkus nicht nicht unproblematisch, nicht selten nicht umweltschonend und durchaus mit Kinderarbeit verbunden.

Offene Fragen

Im europäischen Vergleich hat Deutschland noch einiges an Aufholpotential. Eine offene Frage ist, welche Anbieter werden da die Nase vorn haben. Die Klassiker oder die High Speed Lieferdienste? Was wird nach Corona sein und was ist, wenn die Nullzinspolitik der EZB endet, Kapital wieder knapp wird und die Zinsen steigen? Werden dann Investorengelder noch so reichlich fließen? Sind Geschäftsmodelle, die auf einer Dienstboten-Ökonomie, samt niedriger Löhne und sehr hoher Arbeitsintensität, beruhen wirklich langfristig tragfähig? Akzeptieren die Besteller höhere Preise für das Plus an Bequemlichkeit?

Quellen:
Handelsspanne IFH Retail Consultants GmbH, Liefergebiete Homepage der Anbieter Anfang August 2021