Ungeduldiges Warten auf das Ende der Pandemie

Fritz Forster in der BarDer Rotlicht-Unternehmer Fritz Forster lässt sich trotz der äußerst schwierigen Lage die Laune nicht verderben: „Es wird auch nach der Pandemie weitergehen“, sagt er. Foto: C. Yaman

Tote Hose und Grabesstille – Untergangsstimmung in der Rotlicht-Branche.

Fast kein anderes Gewerbe hat die Corona-Pandemie so hart getroffen wie die Rotlicht-Branche. Seit über einem Jahr – mit einer kurzen, teilweisen Öffnung zwischendurch – sind die einschlägigen Betriebe inzwischen komplett dicht. Und in diesem Punkt gibt es trotz unterschiedlicher Inzidenz-Zahlen keinen Unterschied zwischen den nördlichen Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein: nichts geht es mehr heißt es seit März 2020 sowohl für die Prostituierten als auch deren Kundschaft.

Einer der Betroffenen – mit Hamburger Vergangenheit in diesem Geschäft – ist Fritz Forster. Der 73-Jährige betreibt ein Bordell direkt in der Nähe des Hauptbahnhofs (Parallelstraße dazu, 5 Minuten Fußweg) in Lübeck. Normalerweise allerbeste Lage und ein Garant für fließende Einnahmen, doch in einer Pandemie nützt auch das nicht viel, die Eindämmungsmaßnahmen machen für ihn alles zunichte. Der sportlich fitte Baden-Württemberger macht sich allerdings nicht so viele Gedanken um seine eigene Zukunft (die ist gesichert), sondern um sein Dienstleistungspersonal, das nun entweder auf staatliche Hilfen angewiesen ist oder in manchen Fällen auch den gefährlichen illegalen Weg des Weiterarbeitens im Untergrund wählt.

CLUB HOTEL BAR in Lübeck
Die CLUB HOTEL BAR von Fritz Forster, direkt am Hauptbahnhof in Lübeck gelegen. Foto: C. Yaman

Fritz, du kommst vom Bodensee und bist über Hamburg dann in Lübeck gelandet. Wann hat deine Karriere in der Rotlicht-Branche begonnen?

Von 1971 bis 1981 war ich zum Start in Konstanz aktiv, danach kurz in Hamburg und jetzt bin ich seit 38 Jahren in Lübeck.

Vielleicht kannst du zuerst mal die Größe deines Betriebs schildern?

Normalerweise – also in Zeiten ohne Pandemie – ist hier von 21 bis 5 Uhr geöffnet und ich habe 10 bis 15 Frauen, die bei mir arbeiten. 

Seit einem Jahr ist dein Bordell mehr oder weniger durchgehend geschlossen, zwischendurch war mal 5 Wochen geöffnet gewesen. Wie ist die derzeitige Lage?

Die Lage ist sehr bescheiden und das Schlimmste daran ist: niemand weiß, wie es weitergeht. Irgendwann ist natürlich bei jedem mal finanziell die Luft raus. Man hat zwar Hilfen vom Staat erhalten, aber die decken gerade so grob die Kosten ab, aber nicht so wirklich. Es ist alles ganz fürchterlich, man kann nur hoffen, dass es möglichst bald wieder losgeht.

CLUB HOTEL BAR Zimmer
Zimmer-Impressionen CLUB HOTEL BAR Foto: C. Yaman

Wie hast du es dennoch geschafft, bis jetzt durchzuhalten?

Nun, zuerst ist dieses Hauses meine eigene Immobilie, da fallen schon mal hohe Mietkosten weg, und mein Privathaus ist auch schon abbezahlt, zum Glück. Ich muss nur die laufenden Kosten abdecken, aber die sind auch relativ hoch. Zum Teil habe ich natürlich auch auf Erspartes zurückgreifen müssen. So kann es definitiv nicht weitergehen, auch die normale Gastronomie geht am Stock. Zum Beispiel ist es für mich wenig nachvollziehbar, warum zum Beispiel die Außengastronomie nicht geöffnet wird. So bestellen die Leute im Restaurant, holen das Essen ab und sitzen dann am Ende wieder doch dicht gedrängt in den Strandkörben (im Zentrum von Lübeck sind welche aufgestellt) – und das ohne Abstand, ohne Masken, ohne Händewaschen, ohne Adressenmitteilung etc. Bei einer geöffneten Außengastronomie könnte man das alles ja machen und somit wesentlich mehr Vorsorge treffen. Oder anderes Beispiel: nach Mallorca kannst du fliegen, aber ein Hotel darfst du dir hier nicht buchen. Das passt alles nicht zusammen, das versteht kein Mensch.

Wie ist es denn speziell um deine Branche derzeit bestellt?

Das gleiche was ich gesagt habe, gilt auch für die Prostitution. Man muss nur das Internet anmachen, egal in welcher Stadt in Deutschland, die illegale Prostitution läuft überall weiter. Alleine hier in Lübeck sind es garantiert rund 30 Damen, die ihren Job im Untergrund weiter betreiben. Aber unsereiner, der sich vollkommen an alle Regeln gehalten hat, also mit Adressenmitteilung, Fiebermessung, Abstandhalten, Desinfektion, frische Bettwäsche nach jedem Kundenbesuch und allem was dazu gehört, wir mussten zumachen. Und das passt irgendwie nicht zusammen.

In Schleswig-Holstein wart ihr ja eigentlich von der Pandemie nicht so heftig betroffen wie die benachbarte Großstadt Hamburg, hat sich das nicht positiver ausgewirkt?

Das stimmt zum einen, aber zum anderen: wenn alles in Hamburg dicht ist, fahren alle nach Schleswig-Holstein und sorgen dann dafür, dass hier oder in Kiel auch die Infektionszahlen wieder hochgehen. Ganz konsequenterweise müsste man dann wieder den Hamburgern verbieten, dass sie nach Schleswig-Holstein einreisen dürfen, damit wir hier unsere niedrigen Zahlen behalten können. Die Politik muss sich da etwas Besseres einfallen lassen.

Du scheinst im Allgemeinen nicht besonders glücklich mit den Entscheidungen der Politik zu sein?

Wie denn auch? Mit dem Impfstoff war es der gleiche Murks. Schauen wir uns Israel an: die haben sofort gekauft als es den Impfstoff gab, wir in Deutschland haben zu spät und zu wenig gekauft. Das haut alles nicht so hin. Und dadurch holt man sich auch den Missmut der gesamten Bevölkerung, nicht nur von Geschäftsbetreibern wie mir. Hinzu kommen noch die dubiosen Maskendeals, wo anscheinend auch noch Korruption mit ins Spiel kommt und so weiter. Ich komme ja in meinem Job viel rum und ich kann nur sagen: die Stimmung ist sehr schlecht, die Leute sind sauer. Jedes Bundesland macht seine eigenen Regeln und das Ergebnis ist einfach ein allgemeines Chaos. Neulich habe ich eine Statistik gelesen, nach der vermutlich ca. 80.000 Gastronomen in Deutschland durch die Pandemie und deren Eindämmungsmaßnahmen pleite gehen werden.

Am Anfang der Pandemie war deine Stimmung ja so gedrückt, dass du tatsächlich auch an einen Verkauf deines Unternehmens gedacht hattest. Offensichtlich hast du deine Meinung diesbezüglich geändert. Was hat dich veranlasst, dennoch dabei zu bleiben?

Nun, ich bin jetzt schon fast 73 und damit eigentlich der klassische Rentner. Einen Vorgeschmack darauf hatte ich jetzt durch die vergangenen 14 Monate und ich muss sagen: das ist nichts für mich, ich muss arbeiten. Ich brauche das Theater hier, das hält mich am Leben. Aber ich hatte – genauso wie alle anderen – nie daran gedacht, dass sich das so lange hinziehen wird. Zwischendurch konnten wir wieder arbeiten für eine kurze Zeit, aber dann war wieder alles dicht. Das zieht einen natürlich ziemlich gewaltig runter stimmungsmäßig. Und da kam ich auf den Gedanken, alles zu veräußern und mich vom Berufsleben zu verabschieden. Nun habe ich aber gesehen, dass das Nichtstun nichts für mich ist, deswegen bleibe ich auch dabei. Außerdem habe ich durch meine Arbeit einen gewissen Lebensstandard erreicht, den will ich nicht einfach so aufgeben.

Man sieht dir auch an, dass du an deinem Job und an deinem Laden hängst!

Den Club führe ich jetzt seit 38 Jahren, der ist mein Baby, den will ich nicht einfach so hergeben. Sozusagen meine Braut, der gibt man nicht einfach so einen Kick. Ein paar Jährchen möchte ich gern noch dranhängen, mir macht es ja auch viel Spaß. Ich bin noch gesund, halte mich mit Sport fit und sehe mich auch ein bisschen als Unterhalter, das kann ich hier alles machen.

Die Rotlicht-Branche ist ja auch im Allgemeinen der Vergnügungs- und Unterhaltungsbranche zuzurechnen, das heißt sie will gute Gefühle erzeugen und eine gute Stimmung verbreiten. Dazu muss man aber selber auch in so einer positiven Stimmung sein, nicht nur die Kunden. Daran ist ja aber momentan bei vielen gar nicht zu denken. Wie schätzt du die Lage ein, wie wird es nach Ablauf der Pandemie sein? Werden die Menschen noch ein bisschen brauchen bis sie an das alte Leben anknüpfen können oder werden sie gleich wieder von null auf 180 durchstarten und somit auch deine Branche genau da wieder anknüpfen können wo sie vor der Pandemie stand?

Das hängt davon ab, ob die neuen Lockerungen dann auch dauerhaft sein werden. Wenn nach wenigen Wochen wieder alles dicht machen muss, dann würde dieses ewige Hin und Her sicher einige sehr vergrätzen. Aber die Menschen sehnen sich alle sehr danach, wieder Spaß zu haben. Deswegen bin ich auch zuversichtlich, dass alles schnell wieder wie vorher sein wird.

Sie sind nur für die Foto-Session in die CLUB HOTEL BAR gekommen: Mia und Angelina warten darauf, dass es wieder losgeht. „Wir arbeiten jetzt in anderen Berufen und verdienen damit ungefähr 20 Prozent dessen, was wir sonst einnehmen“, berichten sie. Foto: C. Yaman

Kommen wir nun mal zu deinem Personal, den Damen, die hier ihre körpernahen Dienstleistungen anbieten – wie es so schön im Amtsdeutsch heißt. Denen geht es natürlich auch nicht so toll, wie du schon hast anklingen lassen. Sind denn jetzt auch viele von denen aus der Branche abgesprungen, so dass du wieder neu besetzen musst?

Ja, einige haben sich schon neue Jobs in ganz anderen Branchen gesucht. Egal ob in Fingernagel-Kosmetik, Museen oder Spielhallen, in vielen unterschiedlichen Bereichen versuchen sie durch diese Zeit zu kommen. Damit sie zumindest etwas Einkommen haben und ihre Grundkosten decken können. Manche beziehen Arbeitslosengeld. Einige haben auch vom Staat Hilfen erhalten, aber das war nur für die Monate November und Dezember, das war’s dann. Und einige schlagen sich dann auf illegalem Weg durch. Das ist das Problem dann, dann ist es nicht mehr zu kontrollieren. Die Situation ist ja so: die Prostitution ist immer da, sie ist ja nie ganz weg. Und selbst in Ländern, in denen Prostitution verboten ist, ist sie vorhanden. Bestes Beispiel ist Thailand, offiziell ist es dort verboten, aber es ist das Ziel Nummer 1 für den Sex-Tourismus auf der ganzen Welt. Deswegen wäre es auch in Deutschland viel vernünftiger, man erlaubt es wieder – mit den ganzen hygienischen Vorschriften.

Birgt das nicht die Gefahr einer unkontrollierten Virenverbreitung?

Klar, man kann nicht garantieren, dass alles dann auch zu 100% ansteckungsfrei bleibt. Es wäre aber wesentlich sicherer als wenn sie illegal ihrer Tätigkeit nachgehen. Wir als Club würden auch dafür garantieren, dass alle Vorgaben perfekt eingehalten werden – das hatten wir übrigens auch in der Phase, als wir kurz öffnen durften, auch getan.

Ist das aber zum Beispiel bei der Angabe des Namens und der Adresse nicht etwas schwierig? Denn man darf ja nicht vergessen, die allermeisten Kunden von dir wollen sicher lieber anonym bleiben bei einem Besuch deines Etablissements.

Bei uns ist das definitiv anders, die allermeisten Besucher sind Stammkunden und von denen weiß ich auch wie sie heißen, schummeln ist also schwer möglich. Und wenn jemand Micky Mouse oder so reinschreibt, dann ist ja klar, dass das nicht stimmen kann.

CLUB HOTEL BAR Zimmer
Das ungenutzte Haus muss dennoch in Schuss gehalten werden. „Alle Zimmer werden ständig gereinigt, damit es am Tag X gleich wieder losgehen kann“, sagt Fritz Forster. Foto: C. Yaman

Und gibt es nicht einige interessierte Kunden, die ein namentlicher Eintrag abschreckt und deswegen gleich einem Besuch ganz fernbleiben?

Wir hatten ja wie gesagt diese Phase wo wir zwischendurch 4 bis 5 Wochen öffnen durften und da hatten wir diese ganze Prozedur mit Namens- und Adressenangabe etc. durchgeführt. Da hatte ich nicht den Eindruck, dass dies unsere Nicht-Stammgäste davon abgehalten hätte, uns zu besuchen. Und was man auch hinzufügen muss: die Daten sind ja nur für das Gesundheitsamt. Wir haben sie alle eingeholt und gesammelt, warten allerdings noch immer darauf, dass diese auch abgerufen werden, nur mal nebenbei gesagt.

Wie schätzt du den mittel- bis langfristigen Schaden der Pandemie und deren Konsequenzen für das Nachtleben ein?

Das war der Super-GAU, ganz besonders für Rotlichtbetriebe wie Bordelle. Wenn die nicht selber die Immobilie besitzen, dann zahlen sie monatlich fünfstellige Beträge als Miete, das hält man nicht lange durch ohne Einahmen. Und auch für die gesamte Gastronomie ist es sowieso der blanke Horror. Allerdings muss man auch hinzufügen, dass der deutsche Staat schon auch viel an Hilfen geleistet hat. Wenn man sich andere Länder ansieht, die haben teilweise gar nichts erhalten.

Wäre das für dich als Lösung akzeptabel wenn deine Kunden nur mit einem Impf-Ausweis Zutritt bekommen könnten?

Wenn es zur Vorschrift wird, klar. Ich selber habe mich schon angemeldet und habe dies auch meinen ganzen Damen und dem restlichen Personal schwer empfohlen. Und ich denke auch, dass sich die Kunden daran halten werden. So wie es aussieht, hängt die Lösung des Pandemie-Problems eng mit der Durchimpfung in Deutschland zusammen.

Hast du einen Überblick darüber wie es mit der Rotlicht-Branche im europäischen Ausland so steht? Kennst du ein Land wo es deiner Meinung nach viel besser geregelt in diesen Pandemie-Zeiten?

In Polen beispielsweise wird es geduldet. Es ist zwar nicht erlaubt, aber auch nicht offiziell verboten, man guckt irgendwie nicht hin und es läuft alles weiter wie bisher. In der Schweiz wurde alles von Anfang an ganz anders geregelt. Sie hatten gleich am Anfang einen strengen Lockdown, aber danach wurde alles wieder zurückgefahren. Und jetzt hat die Schweiz mehr oder weniger wieder komplett auf. Deswegen fahren jetzt alle derzeit in die Schweiz rüber. Die Clubs sind überfüllt mit Damen, wenn normalerweise zum Beispiel 20 Prostituierte in einer Bar dort arbeiten, sind es jetzt 50. Das erschwert dann natürlich auch wieder das Geldverdienen. Die Schweiz macht es anders, aber kontrolliert anders. Übrigens hat auch die Gastronomie in der Schweiz wieder geöffnet.

Wir haben jetzt die ganze Zeit über den Unternehmer Fritz Forster gesprochen. Wie geht es denn dem Privatmenschen Fritz Forster nach all dieser Pandemie-Zeit? Du bist ja wenn man dich kennt ein lebensfroher Mensch, den anscheinend nichts so leicht aus der Ruhe bringen lässt. Wie hast du im Privatleben diese schwierige Zeit bisher durchgestanden?

Ehrlicherweise muss ich zugeben, auch ich hab schon manche Träne heimlich fließen lassen. Wie viele andere habe ich auch Schlafstörungen, die ganze Situation zehrt sehr stark an einem. Doch versuche ich schon meine gute Laune zu behalten, die Situation wird ja nicht besser wenn man in Depressionen verfällt. Es muss ja weitergehen und Lachen ist immer noch die beste Medizin, das war schon immer mein Motto. In ein paar Jahren werden wir sehen, ob wir in Deutschland den richtigen Umgang mit der Pandemie gewählt hatten.

Das Interview hat unser Gastautor Cetin Yaman geführt.

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