Medizintourismus – Warum Ausländer herkommen und Deutsche weggehen

ArztArzt Foto: Darko Stojanovic / pixabay.com Creative Commons CC0

Medizintourismus ist keine Einbahnstraße. Jährlich kommen über 255.000 Privatpatienten aus dem Ausland nach Deutschland, die meisten davon stammen aus Russland, den ehemaligen Sowjetländern und den arabischen Golf-Staaten. Vor allem orthopädische Eingriffe sind gefragt, Bypass-Operationen, Gelenkbehandlungen und Knochenersatz sind hier oft günstiger und schneller zugänglich als anderswo.

Medizintourismus – Patienten sollen nach Hamburg

Die internationale Organisation Medical Travel Quality Alliance (MTQA) hat vor kurzem die Asklepios Klinik im Hamburger Stadtteil Barmbek zur besten Annahmestelle für Medizintouristen aus aller Welt gekürt. Die Einrichtung ist auf die Versorgung komplexer Erkrankungen aus dem Bereich der Onkologie und Lungenmedizin spezialisiert, verfügt über eine große Bandbreite an Behandlungsmöglichkeiten und kooperiert mit innovativen Technologieunternehmen. Ein „International Department“ unterstützt ausländische Patienten bei der Vorbereitung ihres Aufenthalts und ihrer Anreise.

Trotzdem liegt Hamburg im Landesvergleich weit zurück: Nur 2,6 % der ausländischen Patienten kommen in die Hansestadt. Aktuell setzt sich die FDP dafür ein, dass sich Hamburg auch in den USA und Asien verstärkt als Exzellenz-Gesundheitsstandort vermarktet. Denn die medizinische Behandlung von Ausländern ist nicht nur für die deutsche Gesundheitsindustrie vorteilhaft, sie ist auch ein wichtiger Wirtschaftsmotor für Hamburg, sogar wichtiger als der ehemals dominante Hafenbetrieb. Das liegt daran, dass ein durchschnittlicher ausländischer Patient eine große Wertschöpfungskette in Gang setzt, angefangen bei den Reisekosten über den Aufenthalt im Hotel oder Krankenhaus, die Behandlungskosten, bis hin zu Freizeitaktivitäten und Shopping. Kritisch wird dagegen gesehen, dass sich der Zuwachs an Gesundheitstouristen negativ auf die Wartezeiten für deutsche Bürger auswirken könnte.

Elektrotherapie

Elektrotherapie in Heviz/Ungarn Foto: Tourinform Hévíz

Gesundheitstourismus im Ausland wächst

Die Zahl der deutschen Gesundheitstouristen ist hingegen schwerer zu erfassen. Nach Schätzungen soll sie aber zwischen 500.000 und 4 Mio. (!) liegen, Tendenz steigend. Denn inzwischen können sich laut einer Studie über 55 % der Deutschen eine Behandlung in west- und osteuropäischen Nachbarländern sowie in den USA vorstellen; besonders große Zustimmung kommt dabei von den Hamburgern. Als Gründe dafür werden angegeben: die potenzielle Umgehung lästiger Wartezeiten, die Behandlung seltener Krankheiten bei internationalen Spezialisten oder die Inanspruchnahme von Verfahren, die hierzulande nicht üblich oder nicht genehmigt sind. So nehmen viele Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch zum Beispiel Eizellspenden bei einem entsprechenden Dienstleister in Spanien in Anspruch.

Hauptgrund sind laut Studie aber die niedrigeren Kosten, wie etwa beim gesundheitstouristischen Klassiker, der Zahnbehandlung in Osteuropa. Den Arzt- oder Krankenhausbesuch gleichzeitig mit einem erholsamen Urlaub zu verbinden, ist ein zusätzlicher Anreiz. Dennoch äußern viele Erkrankte Bedenken bezüglich des Rufs, der hygienischen Umstände und der Fachkenntnis der Gesundheitsversorgung im Ausland, zum Beispiel bei sensiblen Eingriffen wie einer Laser-Augenoperation.

Da der Medizintourismus aber auch in diesen Ländern einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt, werden die angebotenen Dienstleistungen zunehmend transparent und hochwertig. Manche Krankenkassen in Deutschland kooperieren sogar mit ausländischen Kliniken und Fachärzten, weshalb es sinnvoll ist, sich vorher zu erkundigen und eventuell beraten zu lassen. In jedem Fall müssen vor großen wie vor kleinen medizinischen Eingriffen ausreichend Vorbereitungen gertoffen und Recherche betrieben werden, etwa bezüglich Zertifikaten und ISO-Normen. Sonst könnte es nach dem Besuch bei einem zwielichtigen Quacksalber schnell ein böses Erwachen geben.

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