Im Gespräch: Anna Gliemer

Anna Gliemer, photo Bastian PengelAnna Gliemer, photo Bastian Pengel

Anfang des Jahres startete die Hamburgerin und Pralinen-Liebhaberin Anna Gliemer (27) eine Crowdfunding-Kampagne für neue vegane, zuckerfreie Produkte auf startnext. Ziel war es 56.000 Euro für ihre Manufaktur und den damit verbundenen Ausbau zu generieren. Von da an nahm alles seinen Lauf, heute produziert sie im großen Stil handgemachte, teil-vegane und glutenfreie Sweets, Rawnies und Pralinen. Sogar einen limitierten Adventskalender konnte man in diesem Jahr bestellen. Anna greift mit gleem einen Trend auf, der sich bereits seit längerem abzeichnet, der Wunsch gesünder zu leben und frei von unnötigen Zusatzstoffen zu naschen. Unabhängig vom Trend, ernährt sich die gelernte Marketing Managerin Anna Gliemer bereits seit 2009 zucker- und glutenfrei. Das gibt ihr mehr Power für neue Aufgaben und das heutige Gespräch für „Hamburgs Ganze Frauen“.

Wie viel Zeit verbringst du pro Woche auf deinem „Chefsessel“

Ich bin mindestens 2 Tage die Woche mit meinem Mitarbeitern in der Küche, drehe Pralinen, schneide und verpacke Rawnies oder gieße Schokolade. Ein Tag ist immer für den Versand und als Office-Tag reserviert. Mails bearbeiten und Kundenservice (noch) haben keine festen Zeiten und werden nachts und am Wochenende bearbeitet.

„Arbeitstabu“ hast du zu welchen Zeiten?

Ich versuche, am Wochenende und im Urlaub wenig zu arbeiten. Einen ganzen Tag ohne etwas, das mit gleem zu tun hat, gab es seit der Gründung nicht. Entweder gibt es dringende To-Dos, neue tolle Idee in meinem Kopf oder das Bemühen vorzuarbeiten, um die restliche Arbeitszeit zu entschleunigen. Das funktioniert übrigens nicht wirklich. Denn wenn es ruhigere Zeiten gibt, kümmere ich mich um das, was ich sonst aufschiebe „bis ich mal Zeit habe“.

Wolltest du schon immer das werden, was du jetzt bist?

Eigentlich wollte ich einmal Ponyhof-Besitzerin werden. Aber Pralinen mag ich auch. Ich habe schon mit 11 Jahren begonnen, zu Weihnachten Pralinen mit verschiedenen Cremes und Füllungen zu kreieren. Als ich mich vor 8 Jahren entschloss auf Zucker, Gluten, Milch und Ei zu verzichten, haben sich die Rezepte natürlich dahingehend geändert. Und weil es allen immer so gut schmeckte sagten meine Freunde „gründe doch deine eigene Pralinenmanufaktur“. Und so tat ich das, gemeinsam mit meinem Freund.

Wie lautet dein wichtigster Rat an junge Frauen, wenn sie ins Berufsleben starten?

Es ist ok, wenn du nicht genau weißt, was du machen möchtest. Aber wenn du mit etwas startest, dann solltest du es mit Liebe tun. Sei es ein Praktikum in der Projektplanung oder eine Ausbildung in der Confisserie. Vielleicht gefällt dir deine Aufgabe nicht immer, aber du solltest dich grundsätzlich darauf freuen, Projekte organisieren oder Pralinen zu drehen. Sonst wirst du unglücklich und kannst dich selbst nicht verbessern.

Was finden wir in deiner Schreibtischschublade, Handtasche oder Businesstasche?
- Hand aufs Herz – was ist eigentlich überflüssig, aber muss einfach immer dabei sein?

Mein iPhone und Mac – die wichtigsten Tools zum Arbeiten. Handcreme von Dr. Hauschka, Labello und Taschentücher. Ein Kugelschreiber ist auch immer dabei. Was komplett nutzlos ist, wenn man nur digital unterwegs ist.

Das ist in der Tasche von Anna Gliemer

Das ist in der Tasche von Anna Gliemer

Wenn du ein Bewerbungsgespräch führst, was ist für dich ein generelles Ausschlusskriterium?

Wenn der oder diejenige nicht fröhlich ist. Das hat nichts mit Schüchternheit zu tun, den Unterschied erkenne ich schon. Doch wer mit mir arbeitet, muss Freude haben an dem was er tut und lächeln. Wenn ich grundsätzlich fröhlich bin, mache ich das Beste aus jeder Situation, auch wenn es einmal schwierig wird. Und wenn alles gut läuft und ich fröhlich bin, steht dem lauten Singen und Lachen in der Küche nichts im Weg. So denke ich natürlich auch über meine Mitarbeiter.

Welche Berufe sind unterbezahlt?

Kindergärtner und Erzieher. Manche müssen sogar am Wochenende arbeiten, um sich ihr Leben so zu gestalten, wie sie es sich wünschen. Natürlich geht es nicht nur um Geld, wenn wir von Arbeitsmotivation sprechen. Aber wie soll jemand Kinder begeistern und ihnen von den schönen Seiten des Lebens erzählen, wenn er sich selbst ständig Gedanken über sein eigenes Leben machen muss? Weniger Stunden bei gleichem Gehalt wäre vielleicht auch eine Alternative, um Ruhe in den Alltag zu bringen. Eine Kindergartengruppe ist schon ziemlich laut.

Erfolg setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Welchen Rat würdest du geben, um dorthin zu kommen, wo man hin will?

Erfolg ist ja immer etwas Persönliches. Ich glaube, man darf gerne auf das Lob anderer hören. Denn jeder wird gerne bestätigt in seiner Arbeit und jeder möchte von anderen geliebt werden. Außerdem ist es wichtig, darüber zu sprechen, wenn gerade stressige Zeiten sind, damit mich Freunde und Partner besser verstehen können. Ratschläge sind übrigens sehr hilfreich, aber man sollte immer darauf hören, was man selbst für richtig hält. „Hast du schon dies? Warst du schon da? Das musst du machen!“ – höre ich mehrmals die Woche. Mit der Zeit kommt dann aber die Erfahrung, was man wirklich wahrnehmen sollte und was einem nur Zeit und Geld kostet. Da muss man aber hineinwachsen. Das wollte ich nie verstehen, warum mir in meinen Gründungsjahren nie jemand wirklich helfen konnte. Aber letztendlich muss wirklich jeder selbst seine Erfahrungen machen.

Wie wichtig ist für dich “Networking“ unter Frauen? Und warum?

Networking an sich finde ich so wie so wichtig. Unter Frauen kann man sich noch einmal besser und persönlicher austauschen. Ich bewundere bisher jede einzelne Geschäftsfrau und Gründerin, die ich kennen gelernt habe. Jede hat tolle Ideen und Geschichten.

„Geld allein macht nicht glücklich“? Wie wichtig ist für dich Wertschätzung im Berufsleben?

Es ist mir schon wichtig, dass meine Arbeit honoriert wird. Aber es bestreitet auch niemand, dass ein 8 Stunden Tag in der Küche und anschließend noch am Schreibtisch sitzen, arbeitsintensiv ist. Wertschätzung erwarte ich eher mehr für meine Zutaten. Respekt vor der Nahrung ist die Basis meines Unternehmens. Sonst wäre es gar nicht entstanden.

Spielt „social media“ in deinem Leben eine Rolle?

Instagram, XING, Facebook und Co. sind wichtige Kommunikationskanäle. Mit der Crowd aber auch mit einzelnen Personen. Darüber haben sich schon oft Partnerschaften und Kooperationen ergeben. Außerdem macht mir Social Media und Marketing mit am meisten Spaß von allen Aufgaben, die ich habe.

Was muss in Hamburg anders/geändert sein/werden?

Ich persönlich würde lieber ein paar Wohnungen dort sehen, wo gerade neue Designoffices gebaut werden. Aber wenn ich grundsätzlich über Hamburg nachdenke, fällt mir sofort der Straßenverkehr ein. Erst letztens habe ich darüber nachgedacht, ob man die Straßen irgendwie freier bekäme, wenn nur Autos mit Anliegen oder Parkberechtigung in bestimmten Stadtteilen fahren dürften. Altona ist unglaublich voll. Und auf der Mönckebergstraße klappt’s ja auch mit den Fahrzeugen, die ein Anliegen haben.

Elbe oder Alster?

Unter der Woche Alster, am Wochenende Elbe. Dort kann man schön spazieren gehen und fühlt sich wie im Urlaub an der See. Die Alster hingegen hat etwas mondänes, geschäftiges an sich. Sie begeistert mich für eine kleine Auszeit zwischendurch.

Hamburg im November 2016

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