Die Evelyn Drews Galerie beschwört die analoge Welt

Zeichnung SchiessandSchiessstand 2022 von Janosch Dannemann 59 x 42 cm Farbstift auf Papier

Heute kein WLAN und LAB/ROLODEX der diskrete Charme der analogen Welt.

Sehenswerte Ausstellung

Sie wissen noch wie man ein Telefon mit Wählscheibe bedient, kennen noch Telefonzellen und können sogar mit einem Falk Stadtplan auf’m Schoß durch eine fremde Stadt navigieren? Willkommen im Club ‘Last Exit Analog’. Warum, Sie werden in der digitalen Welt nie ganz ankommen. Keine Angst, wer die neue Ausstellung in Evelyn Drews Galerie besucht, muss am Eingang nicht sein Smartphone abgeben.

Heute kein WLAN – Sophie Ullrich

‘Heute kein WLAN’, das würde Schülerhorden in den gepflegten Wahnsinn treiben. Was wir nicht wollen, denn die Risiken und Nebenwirkungen wären enorm. Wenn Sie das nicht glauben, fragen Sie einfach einmal einen Lehrer ihres Vertrauens. Sophie Ulrich führt mit ‘Heute kein WLAN’ den Betrachter durch eine Szenerie aus Langeweile und rauchenden Köpfen. Die flinken, übers Display wischenden Finger, denken wir uns dabei.

Sophie Ullrich plädiert dafür, sich wieder analog berieseln zu lassen und in eine Welt vor dem digitalen Austausch zurückzufinden.

Nachdem das WLAN aufgrund eines Anbieterwechsels ausgefallen war, wurde ein Tee aufgesetzt, das Bücherregal der Wohngemeinschaft auf der Suche nach Unterhaltungswerten inspiziert und die Indoor-Bepflanzung gründlich gegossen. Dieser Zustand sollte ganze drei Tage anhalten. Eine vergessene Kultur der Diskussion bahnte sich ihren Weg zurück in die Gemeinschaftsräume. Kein WLAN, kein schneller Faktencheck. Wo steht dein Wörterbuch?

Die Bilder von Sophie Ullrich werden durch eine comicartig stilisierte Figur charakterisiert. Während sie die Figur zumeist auf mit Umrisslinien Arme und Hände reduziert, bringt sie abstrakte Bildelemente und schematische Hintergründe mit akkurat gemalten Objekten ein. So entstehen vielschichtige Bilder, die stets mehrere Blick benötigen. Die Stärke ihrer Bildsprache erkennt man daran, dass sie damit größere Formate überzeugend füllt.

In diesem humorvollen Narrativ schlüpft der neutrale Protagonist in unterschiedlichste Rollen und ermöglicht die Aneignung verschiedenster Gegenstände und Konsumartikel. Auf Werbeästhetik rekurrierend, wirken ihre Arbeiten wie die malerische Befriedigung von medial vermittelten Sehnsüchten und Bedürfnissen.

Ihr Stil, der durch eine spielerische Leichtigkeit geprägt ist, erinnert an Illustrationen und Karikaturen aus den 1950er und frühen 1960er Jahren, eine Zeit des ungebrochenen Optimismus und des technischen Fortschrittglaubens. Vor 60 Jahren hat man von fliegenden Autos und nicht von Lastenrädern, mit denen Latte Macchiato-Hipster friedliche Fußgänger in Szenevierteln jagen, geträumt. Ja, die Vergangenheit konnte auch lustig sein.

Sophie Ullrich setzt sich in ihren großformatigen Arbeiten mit den klassischen Sujets des Portraits und Stilllebens in Zeiten potenziell austauschbarer Identitäten unserer Selfie und Social Media Gesellschaft auseinander und kommt auf den Punkt. Sophie Ullrich graduierte an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschülerin von Eberhard Havekost.

Bild von Janosch Dannemann
Farewell, 2022, 41 x 59 cm von Janosch Dannemann

LAB/ROLODEX von Janosch Dannemann

Auch Anosch Dannemann ist analog im besten Sinn des Begriffs. Seine Farbstiftzeichnungen, die das kleine Format betonen, sind Expeditionen in den Alltag. Doch er zeigt Fantasiegebilde, die aus fehlerhaften Erinnerungen und Träumen entstanden sind. Vertraute und gelernte Bilder, die so nicht stimmen. Eine Wirklichkeit zeigen, die es nicht gibt.

Bild von Janosch Dannemann
Skating by Katz’s, 2022 41 x 56 cm Farbstift auf Papier von Janosch Dannemann

Der Zusatz Rolodex, in ein paar Jahren wird kaum jemand wissen was das war, beschreibt eine drehbare Achse vergleichbar mit den Träumen, die gegenwärtig aber nur schwer einzufangen sind. Der Künstler erschafft sich in seinen Gebilden Erinnerungen an sich selbst. Janosch Dannemann hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Annette Schröter studiert.

Heute kein WLAN – Evelyn Drewes | Galerie

Wann: Vernissage 8. September, 18–21 Uhr, Laufzeit 9. September – 21. Oktober 2022
Wo: Brandshofer Deich 52, 20539 Hamburg
www.evelyndrewes.de

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