Albert Ballin – Hamburger, Familienmensch, Reeder und Visionär

Ausstellung im Maritimen Museum HamburgUrenkel Heinz Hueber neben dem Portrait seines berühmten Urgroßvaters Albert Ballin Foto: Angelika Fischer

Die Sonderausstellung im Internationalen Maritimen Museum ehrt berühmten Sohn der Stadt zum 100. Todestag

von Angelika Fischer
Aus Anlass des 100. Todestages des Hamburger Reeders Albert Ballin präsentiert das Internationale Maritime Museum Hamburg (IMMH) eine Sonderausstellung mit nie zuvor gezeigten Exponaten aus dem unlängst wieder entdeckten Nachlass des berühmten Sohnes der Hansestadt.

Als Generaldirektor der weltweit größten Reederei, der Hapag (heute Hapag-Lloyd), war Ballin eine der prominentesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Wie kein anderer hat er die deutsche wie die internationale Schifffahrt nachhaltig geprägt und gilt als „Erfinder der modernen Kreuzfahrt“. Als Reeder und Visionär war Ballin einer der ersten „global players“, dessen Ausspruch „mein Feld ist die Welt“ bis heute oft und gern zitiert wird.

Ohne silbernen Löffel von unten an die Spitze

Geboren wurde Ballin 1857 als jüngstes von neun Kindern einer angesehenen, aber mittellosen  Hamburger Rabbiner-Familie. Durch Fleiß und Mut, vor allem aber durch sein außergewöhnliches Talent für Innovation schaffte es Ballin bis in die höchsten Kreise aus Industrie und Politik. Seine persönliche Erfolgsgeschichte ist auch die der Hapag, in deren Vorstand er 1888 mit nur 31 Jahren berufen wurde. Elf Jahre später übernahm er 1899 als Generaldirektor die Leitung der Reederei und machte sie zur seinerzeit größten Schifffahrtsgesellschaft der Welt.

Ausstellung im Maritimen Museum Hamburg

Ein historisches Foto zeigt das Arbeitszimmer Albert Ballins

Eine seiner zukunftsweisenden Ideen ist die „Erfindung“ des modernen Kreuzfahrt-Tourismus. Da im Winter die Transatlantik-Passagen zwischen Hamburg und New York wegen schlechten Wetters und stürmischer See weniger gut gebucht waren als im Sommer, ließ Ballin sich für seine gut betuchte Klientel erstmals eine „Bildungs- und Vergnügungsfahrt“ ins Mittelmeer einfallen, die hervorragend angenommen wurden. Das Schiff „Augusta Victoria“ war ausgebucht und die moderne „Kreuzfahrt“ geboren!

Weniger bekannt und umso berührender sind die privaten Briefe, die Ballin als warmherzigen und humorvollen Familienmenschen zeigen. Im Nachlass wurden rund 120 Briefe entdeckt, die seine liebevolle Beziehung zu Ehefrau Marianne und Adoptivtochter Irmgard dokumentieren. Ihrer Eheschließung mit einem „einfachen“ Leutnant stellte er sich nicht etwa entgegen, sondern begrüßte und akzeptierte den jungen Mann ohne Vorbehalte im Kreise seiner Familie. Erhalten geblieben ist Irmgard Ballins Tanzkarte von dem Ball, auf dem sie ihren zukünftigen Mann kennen und lieben lernte: Leutnant Heinz Bielfeld hatte sich zielstrebig sowohl den ersten, als auch den letzten Tanz mit ihr schriftlich reserviert!

Ausstellung im Maritimen Museum Hamburg

Porzellan und Tafelsilber aus der Villa BallinFoto: Angelika Fischer

Ein gefragter Gastgeber

Auch geschäftlich war Ballin ein gleichermaßen vollendeter wie geschickter Gastgeber. Die „Déjeuners“ – opulente Frühstücks-Geschäftsessen – sowie die festlichen abendlichen „Dîners“ in der Villa Ballin in der Feldbrunnenstraße 58 genossen einen legendären Ruf,  und die Einladungen wurden von den führenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik gern angenommen.

Ausstellung im Maritimen Museum Hamburg

Büste von Kaiser Wilhelm II Foto: Angelika Fischer

Wie das handschriftlich geführte Gästebuch belegt, war bei den Frühstücksgesellschaften einmal jährlich im Sommer auch „S.M.“ zu Gast, womit Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. gemeint ist. Das Catering zu diesen Frühstücks-Geschäftsessen kam übrigens aus dem im Mai 1909 eröffneten Hotel Atlantic, in dem Ballin auch seine Transatlantik-Passagiere der Ersten Klasse vor Reisebeginn standesgemäß einzuquartieren pflegte. Das Porzellangeschirr und das Silberbesteck, von bzw. mit dem damals in der Villa Ballin gespeist wurde, fand sich ebenfalls im Nachlass und wird in der Ausstellung gezeigt.

Ausstellung im Maritimen Museum Hamburg

Villa Ballin in der Feldbrunnenstraße 58 ist heute Sitz des UNESCO Instituts for Lifelong Learning

Der Erste Weltkrieg, den Ballin in einer Vermittlerrolle gegenüber England vergeblich zu verhindern versucht hatte, setzte der Erfolgsgeschichte dieses tatkräftigen und ideenreichen Mannes ein vorzeitiges und tragisches Ende. Am 9. November 1918 endete das Kaiserreich mit der Abdankung Wilhelms II. sowie der Ausrufung der Republik, und am selben Tag verstarb Albert Ballin im Alter von 61 Jahren. Das zeitliche Zusammentreffen gab dem Gerücht Nahrung, er habe aus Verzweiflung den Freitod gewählt. Dieser Verdacht lässt sich nach dem heutigen Stand der Geschichtsforschung nicht aufrecht erhalten. Erwiesen ist, dass er nach jahrelanger Einnahme ihm gegen Schlaflosigkeit verordneter Tabletten einen Magendurchbruch erlitt, der zum Tode führte. Tragischerweise verstarb auch seine geliebte Tochter Irmgard nur einen Monat nach ihm im Alter von 26 Jahren an der damals grassierenden Spanischen Grippe.

Ein Dachbodenfund 

Dafür, dass der private Nachlass Albert Ballins erhalten geblieben ist, gab es über Jahrzehnte keinerlei Hinweise, denn die drei Kinder von Irmgard und Heinz Bielfeld waren aus Hamburg verzogen. Erst hundert Jahre nach Ballins Tod sichtete einer seiner Urenkel, der österreichische Kino-Internehmer Heinz Hueber, auf dem Dachboden seines Hauses alte Kisten. Beim Öffnen tat sich ihm eine längst vergessen geglaubte Welt auf: In den Kisten fanden sich hunderte Briefe, Dokumente und Fotografien aus dem privaten und  geschäftlichen Leben Albert Ballins.

Eine Auswahl dieses Nachlasses wird jetzt in der Sonderausstellung im IMMH bis zum 30. April 2019 gezeigt. Außerdem bot der Fund dem Hamburger Autor und Filmemacher Klaus Eichler die Grundlage für seine im November 2018 vorgestellte Biographie „Albert Ballin – Vater, Unternehmer, Visionär“.  Das im Koehler-Verlag erschienene Buch umfasst 192 Seiten und enthält zahlreiche bis dato unveröffentlichte Fotos aus dem Nachlass Ballins. Es hat die ISBN 978-3-7822-1319-6 und kostet 29,95 Euro.

Die Sonderausstellung Albert Ballin im IMMH im Kaispeicher B, Koreastraße 1, 20457 Hamburg, ist geöffnet von montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Besuch der Sonderausstellung ist im Eintrittspreis des IMMH enthalten.

Für den Besuch der Ausstellung ist es ratsam, sich einer der Führungen durch Kuratoren des Museums anzuschließen. Denn die zum Teil verblichenen, in Sütterlinschrift verfassten Briefe und Dokumente sind für Ungeübte nur schwer lesbar, und ihre jeweilige historische Bedeutung erschließt sich erst bei detaillierter Erklärung.

Weitere Infos stehen auf der Homepage des IMMH unter www.imm-hamburg.de

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