KAIROS. Der richtige Moment oder willkommen in der Matrix der Kunstgeschichte

KAIROS Der richtige MomentKAIROS Der richtige Moment - Ausstellung in Hamburg in der Barlach Halle K von Zott Artspace

Barlach Halle K – KAIROS. Der richtige Moment – Wolfgang Beltracchi und Mauro Fiorese. Ein Projekt von Zott Artspace

Whow, das schießt den Besucher durch den Kopf, wenn er die Ausstellung  „KAIROS. Der richtige Moment“ in der Barlach Halle K betritt. Sonst präsentiert sich die Halle immer als heller lichtdurchfluteter Ort, jetzt wird mit der Sehgewohnheit radikal gebrochen. Man tritt in einen dunklen gegliederten Raum ein, in den die Arbeiten wie farbig funkelnd vor einem fast schwarzen Hintergrund leuchten. Die offenen gitterartigen schwarzen Raumelemente (ursprünglich ein Stützensystem für Betonverschalungen) schaffen den Eindruck einer Matrix. Eine neue spannende Seh-Erfahrung.

Gruppenbild in der Barlach Halle K

Helene Beltracchi, Christian Zott, Wolfgang Beltracchi, Laudator Horst Bredekamp (vl) Foto: ganz-hamburg.de

Christian Zott gehört zu den Menschen, die man einmal erlebt haben muss. Mit seiner Unternehmensberatung sorgt er weltweit für perfekte Lieferketten, den Supply Chains. Unternehmensberater ist durch aus im Deutschen Raum ein Schimpfwort. Nur, eine Supply Chain Lieferkette ist kein Bullshit-Bingo. So etwas funktioniert oder nicht. Da helfen auch keine wilden Power Point Charts. Funktionierende Lieferketten, das ist Präzision, Detailgenauigkeit, perfektes Timing über Kontinente, Planung, sorgfältige Umsetzung und zupackendes Hands-on. Dafür steht Christian Zott und wird von Weltkonzernen beauftragt ihre Lieferketten zu organisieren und zu optimieren. Eigentlich eine ganz kunstferne nüchterne rationale Welt.

Doch Kunst ist die zweite (größere?) Leidenschaft von Christian Zott. Wie er auch in der Logistik eigene Wege gegangen ist, so auch, wenn es sich um Kunstprojekte dreht. Nicht akademisch verkopft und verstaubt, sondern kraftvoll, leidenschaftlich und ohne Schere im Kopf. Man muss diesen Menschen mit seiner unbedingten und ansteckenden Leidenschaft erlebt haben. Wenn nicht, dann kommen Sie in die Barlach Halle K in seine Ausstellung. Sie werden sofort spüren: Da wird ins Risiko gegangen und viel Kraft ist in jedem Exponat spürbar. Hier wird kein hohler selbstgefälliger Minimalismus gepflegt.

Mut und Leidenschaft

So ist das Projekt der Münchner Kunstplattform ZOTT Artspace „Kairos. Der richtige Moment“ leidenschaftlich und mutig zugleich. Denn nicht weniger als einen neuen Blick auf die Kunstgeschichte werfen, hat man sich vorgenommen. Allerdings kein akademischer reduziert Blick mit einer neuen Lehrmeinung, sondern ein leidenschaftlicher, aus der Kunst selbst heraus entwickelter Blick.

Doch nun kommt die Überraschung, es wurden nicht irgendwelche Werke, die in der Archiven der Museen dieser Welt verschwunden sind, in einen neuen Zusammenhang gestellt, sondern ein Ausnahmekünstler, der eigentlich fast den gesamten Kunstbetrieb genarrt hat, Wolfgang Beltracchi präsentiert 2.000 Jahre Kunstgeschichte neu. 

Bild nach Max Beckmann

Wolfgang Beltracchi malt in der Handschrift von Max Beckmann die Ermordung von Rosa Luxemburg Foto: Beltracchi

„2000 Jahre Kunstgeschichte in einer Ausstellung erlebbar zu machen, ist vielleicht kaum möglich.“ so Christian Zott im Interview. In den Künstlern Wolfgang Beltracchi und Mauro Fiorese fand er Partner für dieses mutige faszinierende Projekt.

Es braucht schon einen Christian Zott, der sich wenig um angestaubte Paradigmen schert, um einen wie Wolfgang Beltracchi zu beauftragen. Immerhin boykottiert ihn der Deutsche Galeristenverband. Denn auf ihn, den Dark Vader der Kunst, reingefallen ist fast die gesamte Kunstwelt. Man mag einfach sich einfach nicht die Prosecco-Laune auf Vernissagen und Ausstellungseröffnungen vergällen lassen.

Galeristen-Boykott in Deutschland

Immerhin, sollte eine Galerie diesen Boykott unterlaufen und ihn ausstellen, wird sie aus dem Verbund ausgeschlossen. Eine nachvollziehbare, aber wenig weise Entscheidung. Denn der Meisterfälscher hat die Mythen der Kunstwelt und die Eitelkeit einiger ihrer Großmeister als das entlarvt was sie sind, eine von übersteigerten Geltungsbewußtsein getriebene hohles und leeres Gedankengebäude. Zumal der Originalitätswahn, die Jagd nach unentdeckten unbekannten Werken oder das Auffinden von verschollenen Arbeiten genau der Humus, den er braucht, für einen Fälscher sind. Denn eine gefälschte Mona Lisa, wäre maximal ein schlechter Scherz und leicht absetzbar wie ein dreißig Euroschein.

Bild nach Heinrich Campendonk

KAIROS. Der richtige Moment – in der Handschrift von Heinrich Campendonk – Wolfgang Beltracchi Foto: Zott Artspace

Kairos. Der richtige Moment

Die Ausstellung „Kairos. Der richtige Moment“ zeigt die Entwicklung der Kunst von der römischen Antike bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts wie im Zeitraffer. Die Idee dahinter: Die wichtigsten Epochen und Kunstströmungen Europas werden durch zeitgenössische Werke in der Handschrift je eines stilprägenden Künstlers aus der Epoche beleuchtet. Die Motive greifen Ereignisse aus den Lebzeiten dieser Meister auf, die – obgleich richtungsweisend für ihre Epoche – nicht von ihnen gemalt wurden.

Für Wolfgang Beltracchi heiß es auf eine Reise zu gehen. Auch wenn jemand so außergewöhnlich begabt ist das Schaffen anderer Künstler zu reproduzieren. Innerhalb von zwei Jahren ein solches Projekt umzusetzen, führte Beltracchi sicherlich über seine Grenzen hinaus und in neue Schaffensräume.

Die Matrix der Kunstgeschichte

Wo gibt es das? Eine kunstgeschichtliche Ausstellung anhand von Werken, die es nicht gibt, die aber plausibel sind? Wenn wir es nicht besser wüssten, könnte einige dieser Werke von einem Kunsthistoriker entdeckt werden und die Fachwelt würde wiedereinmal eine Sensation“ feiern.

Ob „Das Martyrium der Rosa Luxemburg“ in der Handschrift von Max Beckmann oder der „Boulevard des Capucines 15 avril 1874″ nach Claude Monet. Beltracchi entführt uns in die Matrix der Kunstgeschichte. Nur das der Besucher nicht dem weißen Kaninchen wie Nero im Film „The Matrix“ folgen muss. Auch in einer Arbeit in der Malweise von Lukas Cranach d.Ä. brachte er das Gewittererlebnis von Martin Luther auf die Leinwand. Ebenso präsentiert die Ausstellung neue Werke und Bildmotive in den Handschriften von Caravaggio, Vermeer, Goya, van Gogh um nur einige zu nennen.

Die Entstehung der Werke ist ein wesentlicher Teil des Projekts „Kairos. Der richtige Moment“, liefert sie doch die einmalige Chance, die Malweise längst verstorbener Künstler nachzuvollziehen. ZOTT Artspace dokumentiert bereits während der Projektphase filmisch und fotografisch, wie Beltracchi die Motive anlegt und gemalt hat. Auch die Entwicklung der Bildideen durch Christian Zott und das ZOTT Artspace-Team wird für die Besucher aufbereitet. 

Der Fotograf Mauro Fiorese bei der Arbeit

Mauro Fiorese bei der Arbeit Foto: V. Zambon

Mauro Fiorese

Im Kontrast dazu wird den Gemälden Beltracchi Fotografien von Mauro Fiorese gegenübergestellt. Der Ende 2016 verstorbene Fiorese zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen italienischen Fotografen. Seine Aufnahmen in Museumsarchiven weisen spielerisch und durch ihre Ästhetik fast ironisch auf die Mechanismen der Kunstwelt hin. 

Warum sind Archive nicht transparent?

Beide Künstler beleuchten mit ihren Werken einen verborgenen fast geheimen Teil der Kunstwelt. Denn fast jedes Kunstmuseum gleicht einem Eisberg, nur ein geringer Teil der Sammlung ist öffentlich und wird ausgestellt. Vieles schlummert zu Recht oder zu Unrecht in den Archiven. Obwohl zumeist öffentlich finanziert, befinden nur wenige Menschen darüber was sichtbar ist und präsentiert wird. Sie sind der Hüter der Bilderwelt und müssen sich der Öffentlichkeit kaum erklären. 

Doch, dabei bleibt stets Fragen, nicht wirklich beantwortet sind, offen:

– Stimmt ihr Urteil?

– Haben sich die Verantwortlichen nicht oft genug täuschen lassen oder schlimmer haben Sie selbst absichtlich getäuscht?

– Wird die Kunstgeschichte nur von einer Handvoll Menschen definiert? 

Bild nach William Turner

KAIROS. Der richtige Moment – HMS Beagle leaving Devonport in 1831″  in der Handschrift von William Turner – Wolfgang Beltracchi

Es empfiehlt sich, sich für KAIROS Ausstellung Zeit zu nehmen. Es ist nicht das Einzelwerk, auch wenn es so brillant wie „HMS Beagle leaving Devonport in 1831″  in der Handschrift von William Turner ausgeführt ist. Es ist die Summe der Bilder, ein Museum des Ungesehen – doch durchaus möglichen – ein materialisiertes Gedankenexperiment – eine Simulation, die Wirklichkeit geworden ist. Willkommen in der Matrix der Kunstgeschichte.

„Bei ZOTT Artspace geht es immer um ein unmittelbares Ansprechen der Sinne. Begonnen hat es mit zwei Ausstellungsräumen an ungewöhnlichen Orten. Einer in den Dolomiten, hoch oben in den Bergen. Fernab der Großstadt und White Cubes wollten wir die üblichen Sehgewohnheiten ein wenig aufbrechen. In Singapur haben wir die Ausstellungen mit gutem Essen und Trinken verbunden. Und im Rahmen von ‚Kairos. Der richtige Moment.‘ geht es darum, Kunst durch das unmittelbare Erlebnis ihrer Entstehung näher zu kommen.“ Sagt Christian Zott.

In der Tat, das ist nicht nur gelungen, sondern ausgesprochen sehens- und besuchenswert. In Venedig zählte die Ausstellung bereits 27.000 Besucher! 

Kairos. Der richtige Moment 

Wann: 
20. November bis 19. Dezember 2018
Dienstag bis Sonntag, von 11.00 bis 19.00 Uhr, Eintritt sechs Euro
Barlach Halle K, Klosterwall 13, 20095 Hamburg
Österreich
4. bis 21. September 2019, Bank Austria Kunstforum Wien, Freyung 8, 1010 Wien
In Planung: Schweiz, Frankreich
www.kairos-exhibition.art

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