Hamburg prescht vor – Benin-Bronzen gehen zurück nach Nigeria

Die Edo Cultural Group aus Berlin führte einige traditionelle Tänze auf. Foto: Cyrh Rhida

Aber vorher gibt es noch mit „Benin. Geraubte Geschichte“ eine letzte Ausstellung im Museum am Rothenbaum zum Abschied.

Weltweite Aufmerksamkeit erhält derzeit die Ausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ im Museum am Rothenbaum (MARKK). Brisant ist das Ganze deshalb, weil es sich um Raubkunst handelt und dies gleichzeitig das letzte Mal sein wird, dass die Benin-Sammlung in Hamburg gezeigt und der Öffentlichkeit vollständig zugänglich gemacht wird. Ende des Jahres 2022 sollen dann die Artefakte nach Nigeria zurückgegeben werden.

Die Präsentation beleuchtet sowohl die Herkunftsgeschichte als auch die herausragende künstlerische Qualität der Werke und ihren Stellenwert in der afrikanischen Kunst- und Kulturgeschichte. Insbesondere wird die Verbindung der Sammlung mit den Hamburger Handelsnetzwerken nachvollzogen. Die gewaltsame koloniale Unterwerfung des Königreichs Benin (heute Edo State, Nigeria) durch britische Truppen im Februar 1897 markierte das Ende eines der mächtigsten westafrikanischen Königreiche. Eine der Folgen war die weltweite Distribution von 3.000 bis 5.000 Objekten, die aus dem königlichen Palast geraubt wurden. Rund 180 von ihnen befinden sich heute im MARKK.

Hamburgs Senator Brosda und Botschafter Tuggar betonen die historische Bedeutung

Kultursenator Dr. Carsten Brosda begrüßte in seiner Eröffnungsrede diesen Schritt:

„Die Benin-Bronzen in Hamburg erzählen nicht nur von kolonialer Unterwerfung, Raub und jahrzehntelanger Ignoranz. Sie verkörpern auch den Stolz einer ganzen Kultur. Daher wollen wir endlich unserer Verantwortung gerecht werden und mit dieser Ausstellung das klare Versprechen verbinden, dass sich alle in Hamburg befindenden Benin-Objekte restituiert werden. Unser Ziel ist es, dies vollständig und bedingungslos im Jahr 2022 abzuschließen“.

Die Kunstwerke aus Bronze, Elfenbein und Holz sollen im kommenden Jahr zusammen mit Beständen anderer deutscher Museen nach Benin City restituiert werden. Die Rückgabe wird seit April 2021 gemeinsam mit den nigerianischen Partnern und Vertretern von Bund und Ländern vorbereitet.

Aus Berlin kam zu diesem symbolträchtigen Ereignis der Botschafter von Nigeria angereist. Für Yusuf Maitama Tuggar hat die ganze Raubkunst-Debatte – ähnlich wie die „Black Lives Matter“-Bewegung – sehr viel mit Identität und kulturellem Eigentum zu tun.

„Auch bei der Raubkunst geht es um rassistisch motivierte Kriminalität. Dies gilt umso mehr im Fall der Benin-Bronzen, wo systematisch Gewalt und Brandstiftung an einem Volk ausgeübt wurde, weil es wagte, trotzig und stolz zu sein und seine lange Geschichte und sein Erbe zu verteidigen“. Und weist auf einen entscheidenden Unterschied zu der üblichen Art von Beutekunst hin: „Das Plündern der Benin-Bronzen wurde nicht bei einer archäologischen Ausgrabung durchgeführt; nein, ein Königreich wurde ohne ersichtlichen Kriegsgrund von seinen Kulturgütern beraubt“.

Gegner von Kunst-Rückführungen werden abgeschmettert

Es gibt allerdings auch Gegner von Restitutionen. Diese sagen verwaiste Museen, eine Re-Nationalisierung des Menschheitserbes, Ablasshandel und andere schlimme Dinge voraus, wenn die Kunst wieder in den Heimatländern landen sollte. Solche Argumente wischt Prof. Abba Isa Tijani, Generaldirektor der National Commission for Museums and Monuments in Nigeria, mit einem milden Lächeln zur Seite, es steht zu viel auf dem Spiel:

„Für uns markieren diese Ereignisse den Beginn der Rückkehr der Benin-Bronzen nach Nigeria. Die Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, sagt er. Und ein Lob an die Hansestadt schickt er hinterher: „Die Veranstaltung zur Vorbereitung der Rückgabe findet in Hamburg statt; der Stadt, von der aus die Benin-Bronzen ursprünglich nach Deutschland gelangten. Es ist lobenswert, dass Hamburg diese Altertümer auf so bedeutsame Weise ausstellt und sich gleichzeitig von ihnen verabschiedet“.

Konkret geht es insgesamt um 179 Benin-Objekte, die aus der Sammlung des MARKK an Nigeria übertragen werden. Direktorin Barbara Plankensteiner hat mit ihrem Team eine „Abschieds-Ausstellung“ zusammengestellt, die voraussichtlich bis Ende 2022 andauern wird, bis zum Zeitpunkt, an dem die Kunstobjekte zurückgegeben werden können. Dass die Schau so lebendig wirkt, ist unter anderem Osaisonor Godfrey Ekhator-Obogie, Mitglied des kuratorischen Teams zu verdanken. Als Benin-Historiker legte er sehr viel Wert darauf, dass die Ausstellung die kaum gewürdigte Geschichte des Volkes von Benin erzählt.

„Es ist die Geschichte des Volkes von Benin und nicht die der Könige und Reiche. Eine Geschichte, die herausragt und lebendig ist, wann immer sie erzählt wird, eine Geschichte, die uns in die Jahre und an die Schauplätze der Ereignisse zurückführt“.

Benin-Bronzen: exzeptionelle Stellung in der Afrikanischen Kunst

Die Benin-Bronzen gelten seit ihrer “Entdeckung” als die herausragendsten Werke der Afrikanischen Kunst. In der Sammlung des MARKK sind kunstvolle Gedenkköpfe, mit denen verstorbene Könige geehrt wurden, Reliefplatten, die höfische Szenen darstellen, Schalen, Schwerter, Messingkreuze und einiges mehr zu sehen.

Botschafter Tuggar hebt dabei hervor, dass es nicht nur um Kunstwerke geht:

„Der Wert auf dem Kunstmarkt ist eigentlich eher nebensächlich, da keine Absicht besteht, diese zu kaufen und zu verkaufen. Die Benin-Bronzen haben ihren Platz in Benins Kultur und Tradition, von denen viele Aspekte Teil des Allgemeinguts in der Nigerianischen Kultur geworden sind“ erläutert er. Und wird dabei konkret „Ich selber bin in Nordnigeria aufgewachsen. Meine Mutter trug Korallenketten, genau wie die Binis und die Idia-Maske ein nigerianisches Symbol seit der FESTAC 77 (Anm.d.Red.: große afrikanisches Festival in Lagos/Nigeria 1977)“. Auf einen ganz besonderen Aspekt verweist Tuggar noch: „Die meisten Nigerianer – einschließlich Künstler, Kunsthistoriker und sonstige Gelehrte – haben die Benin-Bronzen bisher nur zweidimensional betrachten können, also Abbildungen in Zeitungen oder Büchern gesehen. Sie sind sich noch nicht der detaillierten Kunstfertigkeit auf der Rückseite der Kunstwerke bewusst, die man natürlich nur dreidimensional begutachten kann und die ebenfalls wunderschön ist“.

Selbst für das Wachstum als Nation sei die Rückführung der Benin-Bronzen von enormer Wichtigkeit:

„Dies ist gleichzeitig eine Metapher für unser Nation Building. Denn ebenso wird uns ihre Rückkehr ermöglichen, unsere Wahrnehmungen davon zu überprüfen, wer wir als Nation sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Die Rückkehr unserer Kunstwerke wird eine Renaissance in unserem jungen Land auslösen“, ist sich der Botschafter sicher.

In Hamburg lange nicht gezeigt worden

Die Sammlung wird erstmals seit über 100 Jahren vollständig präsentiert, inklusive Fragmenten und Kleinobjekten sowie dreier bedeutender Werke, die in diesem Jahr aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in die Sammlung des MARKK überführt wurden. Darüber hinaus bringt sie historische Fotografien, zeitgenössische Werke und heutige Stimmen aus Benin-City zusammen. Der Hamburger Hafen war ein zentrales Eingangstor für den Transfer von Benin-Werken nach Deutschland sowie ihren Weitervertrieb in Kontinentaleuropa. Nach der Plünderung durch die britischen Kolonialtruppen 1897 wirkten Agenten Hamburger Handelshäuser und deutsche Schiffsleute maßgeblich an der Distribution der Artefakte mit. Das Interesse Hamburger Museen an den zuvor unbekannten Werken wiederum schürte den Sammelwahn in Deutschland. Diese Verflechtungen werden in der Ausstellung erläutert und veranschaulicht.

Ermöglicht wurde die Ausstellung mit finanzieller Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Hubertus Wald Stiftung, der Herbert-Pumplün-Stiftung sowie des Freundeskreises des Museums am Rothenbaum. Die Provenienzforschung wurde unterstützt durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste.

Benin. Geraubte Geschichte. Museum am Rothenbaum, Hamburg. Bis zur Rückführung der Sammlung Ende 2022. Der Katalog erscheint Anfang 2022.

von Cyrh Rhida

Print Friendly, PDF & Email