Der richtige Komponist zur richtigen Zeit

Sofja Gülbadamova und Anne-Sophie DesrezDie Video-Produktion kam auf Anregung von Anne-Sophie Desrez (re.), Leiterin von KAWAI Hamburg, zustande. „Wir möchten unseren Musikern auch in diesen Zeiten noch die Möglichkeit geben, ihre Kunst auszuüben“, sagt sie. Foto: Cyrh Rhida

Sofja Gülbadamova spielt stimmungsvolle Stücke von Brahms in Hamburg ein.

„Einen Tag zurück ins Leben!“ – mit diesen Worten drückt Sofja Gülbadamova ihre Freude über die Videoproduktion Anfang Mai bei KAWAI in Hamburg aus. Anlass dazu war die 188. Wiederkehr des Geburtstages von Johannes Brahms am 7. Mai. Die russische Pianistin nahm drei Stücke des in Hamburg geborenen Komponisten auf (diese sind weiterhin online abrufbar). Ihre Auswahl traf sie nicht zufällig, die Balladen Nr. 1 und Nr. 2 op. 10 und das Intermezzo op. 118 Nr. 2 haben für sie während der Pandemie eine besondere Bedeutung: „In diesen schwierigen Zeiten entspricht diese Musik meiner Stimmung und meinem inneren Zustand, also war es für mich naheliegend, mich dafür zu entscheiden“.  

Sofja Gülbadamova  spielt auf dem Flügel
Sofja Gülbadamova am SHIGERU KAWAI Flügel Foto: Cyrh Rhida

Breitgefächertes Repertoire

Obwohl Gülbadamova über ein breitgefächertes Repertoire verfügt, gibt es für sie eindeutig auszumachende Favoriten: „Die Säulen meines musikalischen Zuhauses sind neben Johannes Brahms noch Robert Schumann, Frédéric Chopin, Edvard Grieg, Francis Poulenc, und natürlich Ernst von Dohnányi, dessen Musik ich über alles liebe und versuche, seine Werke dem Publikum nahe zu bringen“, erläutert sie. Aber auch zu Prokofieff, Tschaikowky und Rachmaninow fühlt sie sich sehr hingezogen: „Diese spiele ich mit großer Leidenschaft, wenn auch weniger oft“. Einen ganz besonderen Wunsch hat die in Norddeutschland ansässige Pianistin bei ihrer Auswahl der vorzutragenden Künstler immer. „Es ist mir ungemein wichtig, Komponisten aufzuführen, die durch einen unglücklichen Geschichtslauf oder auch durch die auf populäre Werke eingestellten Konzertveranstalter aus dem Repertoire verdrängt wurden. Dabei gibt es eine schier unerschöpfliche Fülle großartiger Werke, die man nie hört!“.

Die Flügel von SHIGERU KAWAI schätzt sie dabei ungemein, vor allem die Wärme im Klang und die dunklere Klangfarbe. „Dies vermisst man bei vielen modernen Instrumenten, wo extrem auf Brillanz gesetzt wird, was allerdings oft auf Kosten des Klangreichtums geht. Ein wesentlicher Aspekt ist außerdem, dass man den Klang des SHIGERU KAWAI formen kann – er ist wandelbar und man kann ihn entsprechend der eigenen Vorstellung gestalten“, führt sie ihre Begründung weiter aus.

Pandemie-Jahr eine harte Zeit für Künstler

Doch im Allgemeinen waren die vergangenen 14 Monate für Gülbadamova eine harte Zeit. Im vergangenen Jahr, im ersten Pandemie-Jahr konnte sich aufgrund mentaler Tiefpunkte fünf Wochen nicht üben, und in diesem, dem zweiten Pandemie-Jahr, schon drei Monate nicht. „Ich konnte einfach nicht. Auch zum Üben braucht man zumindest eine minimale emotionale Basis. Und so wie mir ging es ganz vielen anderen geschätzten Kollegen, fantastischen Musikern, die diese innere Leere und Trauer nicht überwinden konnten“. Sich als aufführender Künstler von der Konzertatmosphäre tragen lassen und dabei gleichzeitig als Musiker weiterentwickeln: das ging lange Zeit nicht. Gülbadamova sehnt sich diese Zeit wieder herbei: „Die Bühne ist der beste Lehrer. Nichts kann einem die Erfahrung ersetzen, die die Konzertatmosphäre und der Energieaustausch mit dem Publikum bringt“.

Wenigstens für einen Tag kam diese gute alte Zeit nun etwas zurück, die Pianistin genoss die Video-Produktion bei KAWAI Hamburg. „Der Grund war die Anfrage seitens Anne-Sophie Desrez, der Leiterin der Hamburger KAWAI-Filiale, wofür ich ihr unendlich dankbar bin, denn sie hat mir dadurch ermöglicht, zumindest für einen Tag in meinLeben zurückzukehren – in das, was für mich wirkliches Leben ist“.

International bekannte Pianistin

Gülbadamova ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe in den USA, Spanien, Russland, Deutschland und Belgien. Von ihr sind einige CDs erschienen, eine der letzten im April 2020 mit Aufnahmen der Klavierkonzerte von Ernst von Dohnányi mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Ariane Matiakh (Capriccio).

Ihre musikalische Ausbildung fing sie an der weltberühmten Gnessins’ Spezialmusikschule für hochbegabte Kinder in der Klasse von Michail Chochlov an. Sie setzte ihr Studium beim amerikanischen Ausnahmepianisten Prof. James Tocco an der Musikhochschule Lübeck fort, später studierte sie bei Prof. Jacques Rouvier (CNSMD) und an der legendären Ecole Normale de Cortot in Paris, unter anderem bei Guigla Katsarava und David Lively. Die 40-Jährige Musikerin gastierte bei renommierten Festivals wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Internationalen Festival Sine Nomine in Lausanne, den Internationalen Musikfestwochen Luzern (Schweiz) oder dem Great Lakes Chamber Music Festival in Detroit (USA).

Mit der Aufnahme der drei Komposition an dessen Geburtstag schließt sich für Sofja Gülbadamova außerdem ein Kreis: 2017 wurde sie zur Künstlerischen Leiterin des Internationalen Brahms-Festes Mürzzuschlag (Österreich) ernannt.

Von unserem Gastautor Cyrh Rhida.

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