Endlich wieder Jazz live und dann gleich vom feinsten: Die JazzBaltica

Eine tolle Jazz Sängerin: Viktoria TolstoyDas Viktoria Tolstoy Quintett besteht aus vier hochklassigen Musikern und einer Sängerin mit begnadeter Stimme. Foto: C. Yaman

Zum Jubiläum etwas Besonderes: Die JazzBaltica feiert nach Pandemie-Zwangspause das 30. Festival.

Das war knapp: erst eine Woche vor Festivalbeginn hatten die Veranstalter die Genehmigung für das Musikfestival JazzBaltica 2021 in Timmendorfer Strand an der Ostsee erhalten. Diese war verbunden mit einer Reihe von Auflagen, wie zum Beispiel dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auf dem Festivalgelände bis zum Sitzplatz, dem Registrieren vor Ort via luca App/mit Paper & Pencil oder besonders rechtzeitigem Erscheinen zur Vermeidung von Schlangenbildung. Eigentlich alles Maßnahmen, die einem normalerweise dem Spaß am Musikhören vermiesen könnten. Nicht so aber nach 18 Monaten Pandemie und weitgehender Abwesenheit von kulturellen Veranstaltungen. Dementsprechend gerührt zeigte sich der künstlerische Leiter der JazzBaltica, Nils Landgren, am Eröffnungsabend: “Fast eineinhalb Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet. Es ist wie ein Traum“. Vier Tage später manifestierte sich dieser Traum mit eindrucksvollen Zahlen in der Realität: 14.500 Fans strömten zu der JazzBaltica an der Ostsee. 37 Konzerte, dazu Sessions zu später Stunde und Talkrunden stießen auf großes Interesse und lockten auch viele Passanten spontan zum Festivalgelände. Ein nicht unwesentlicher Faktor der erfreulich positiven Bilanz: das sich überwiegend sommerlich gebende norddeutsche Wetter, das die neue MainStage im Strandpark zum Highlight werden ließ. Zwischen hohen, und zu später Stunde bunt illuminierten, Bäumen konnten die Besucher besonders lässig in Blue Notes-Klängen schwelgen.

Der Posaunist NIls Landgren
Der künstlerische Leiter der JazzBaltica, Nils Landgren, musizierte selbst fleißig auf dem Festival mit.
Hier bläst er exklusiv für ganz-hamburg.de die „Luft-Posaune“. Foto: Cyrh Rhida

Hochkarätiges Programm mit vielen aktuellen Jazz-Stars

Szene-Größen wie Wolfgang Muthspiel, Viktoria Tolstoy und Raul Midón boten auf den diversen Bühnen das Beste was der Jazz derzeit zu bieten hat. Das weitere Programm mit Ensembles wie Fabia Mantwill Orchestra, 4 Wheel Drive, Quartett KLARO!, Tonbruket und der NDR Bigband (inklusive dem amerikanischen Gitarristen Kurt Rosenwinkel) erwies sich ebenso als das Leckerbissen, das sich die Fans erhofft hatten. Das Sonderkonzert am Donnerstagabend gestalteten zunächst die Jazzpianisten Rainer Böhm und David Helbock und anschließend das JazzBaltica Ensemble Special Edition, das bis in den späten Abend hinein den 30. Geburtstag des Festivals zelebrierte. In der Kategorie JazzLab auf der MaritimStage wurden 14 der insgesamt 19 Konzerte vom ZDF mitgeschnitten und per Livestream in der ZDFkultur Mediathek bereitgestellt. Diese sind ab sofort auch als Video-on-Demand abrufbar, ab Spätsommer auch auf www.jazzbaltica.de. NDR Kultur spielt die JazzLab- und MainStage-Konzerte ab September in der Sendung „Play Jazz“ im Radio.

Die JazzBaltica 2021 Konzertbühne direkt am Strand
Eine weltweit einmalige Kulisse: die MainStage der JazzBaltica in Timmendorfer Strand. Von hier ist es eine
Minute Fußweg direkt zur Ostsee. Foto: C. Yaman

Samtiger Vocal-Jazz zu Mittag? Why not?! Viel Beifall für das Viktoria Tolstoy Quintett

Zu einer für diese Musikgattung ungewöhnlichen Tageszeit trat die Schwedin Viktoria Tolstoy an. Ihren samtigen Vocal-Jazz-Vortrag kann man sich zwar eher in den späteren Abendstunden als in der Mittagssonne vorstellen, doch umrahmt von dieser umwerfenden Kulisse im Stadtpark – und der unmittelbaren Nähe der Ostsee – funktionierte auch diese Kombination am Samstag bestens. Unterstützt wurde die skandinavische Sängerin dabei von ihren fabelhaften Musikern Joel Lyssarides (Piano, gab einen Tag später auch ein Konzert mit seiner eigenen Formation), Krister Jonsson (Gitarre), Mattias Svensson (Bass) und Rasmus Kihlber (Drums).

Mit erstaunlich vielen Cover-Versionen von Rock-Klassikern gewann das Viktoria Tolstoy Quintett rasch die Sympathien des Publikums. Zum Jazz-Fundament wurden brillante Einsprenksel aus anderen Richtungen hinzugemischt, so klang Peter Gabriel’s „Kiss that frog“ deutlich funkier als im Original, ein Schuss Blues bekam Bob Dylan’s „Million miles“ ziemlich gut und Eric Clapton’s „If I could change the world“ erhielt einen verführerischen Komplett-Jazz-Anstrich verpasst.

Dass diese Songs genügend Raum für ein Schaulaufen der Instrumentalisten boten, versteht sich von selbst. In ausgiebigen Soli bewiesen die Jungs um Viktoria, dass sie ihr Handwerk mehr als nur gut beherrschen. Die Namensgeberin der Band ist übrigens tatsächlich mit dem russischen Schriftsteller-Klassiker Leo Tolstoy verwandt (Ururenkelin mütterlicherseits). Auf die Frage des ganz-hamburg-Reporters allerdings, ob sie schon mal daran gedacht habe, eine literarische Erzählung ihres berühmten Ahnen musikalisch zu vertonen, antwortete sie verneinend.

Joel Lyssarides spielt auf dem Steinway Flügel
Joel Lyssarides gilt als neues skandinavisches Jazzpiano-Genie. Am Sonntag trat er auch mit seiner eigenen Band an. Foto: Cyrh Rhida

Konzerte für Musikfans mit null Budget? Auch das gab es auf der JazzBaltica 2021

Unter dem Titel @the beach fanden am späten Freitag- und Samstagabend, direkt am Fuße des Maritim Seehotel, die kostenfreien Konzerte statt. Auf Holzbohlen traten mit einem romantischen Sonnenuntergang als Kulisse das Trio Rasgueo und das Duo Ikizaki auf. Und wer auf Stühle und Nähe zur Bühne verzichten konnte, hatte auch die Gelegenheit, diverse Open-Air-Gigs vom Zaun aus live und ohne Eintritt zu verfolgen.

Wieder dabei war in diesem Jahr auch das JazzBaltica-Format von NDR Kultur. Das Format ’Round Midnight wurde von NDR Kultur aufgezeichnet und ist unter www.ndr.de/jazz abrufbar.

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