Sitar-Star Anoushka Shankar in der Elbphilharmonie: Rein instrumental ist es am schönsten

Anoushka ShankarAnoushka Shankar spielt in der Elbphilharmonie Foto: Daniel Dittus / Elbphilharmonie

Zwei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung Indiens von seinen Kolonialherren Großbritannien und wenige Monate vor der Erklärung der Republik Indien schrieb ein auf Trinidad geborener Inder stark desillusioniert in einem Brief an seine ältere Schwester: „Das heutige Asien ist nur noch eine primitive Erscheinung einer lange schon verstorbenen Kultur. Sieh dir die indische Musik an. Sie ist von der westlichen Musik bis zur Lächerlichkeit beeinflusst. Dies ist das Bild, das du vor Augen haben musst: ein totes Land, das nur noch vom Schwung seiner glorreichen Zeit weiter existiert“. Der junge Mann, der im Jahre 1949 dieses niederschmetternde Urteil über das Land seiner Eltern fällte, war Vidiadhar Surajprasad Naipaul und derselbige erhielt 52 Jahre später den Literaturnobelpreis – unter anderem wegen seiner drei chirurgisch-sezierenden Beobachtungen über Indien.

Seitdem hat sich aber sehr viel getan, vor allem ein Sitar-Spieler sorgte fast im Alleingang für eine immense Rückgewinnung der Reputation der indischen Musik: Ravi Shankar. Seine Musik beeinflusste sogar im umgekehrten Weg die populäre westliche Musik der 60er Jahre – unter anderem kollabierte er intensiv mit den Beatles, insbesondere mit George Harrison und auch später in den folgenden Jahrzehnten war er eine große Inspiration für Jazz-Musiker wie John McLaughlin und viele andere.

Nun trat dessen Tochter, Anoushka Shankar, ebenfalls eine Sitar-Spielerin, in der Elbphilharmonie an, um in einer neuen Version des Reflektor-Festivals zu beweisen, dass die indische Kultur auch der Musikwelt des 21. Jahrhunderts viel zu geben hat.

Anoushka Shankar in Concert
Konzert von Anoushka Shankar und ihren begleitenden Musikerinnen in der Elbphilharmonie Großer Saal Foto: Daniel Dittus / Elbphilharmonie

Musikalisch große Spannbreite auf Reflektor-Festival

Doch nicht nur sie war es, die zu dieser indischen musikalischen Leistungsschau in die Hansestadt angereist kam. Die Spannbreite des viertägigen Festivals ging von traditioneller nordindischer Klassik bis hin zu Clubsounds aus London – natürlich eingefärbt mit indischen Elementen. Künstler wie Indrani Mukherjee, Aruna Sairam, Arushi Jain, Sarathy Korwar und das Upaj Collective oder Sarod-Spieler Soumik Datta sorgten mit ihren frischen Klängen für viel Aufsehen in der hansestädtischen Kulturszene. Unter Shankars Kuratierung kamen befreundete Künstler aus Indien und aus der indischen Diaspora in Großbritannien nach Hamburg. Die siebenfach für einen Grammy nominierte Anoushka Shankar selbst war einige Male aktiv mit dabei, so zum Beispiel als sie die Live-Begleitung des indischen Films „Shiraz“ von 1928 übernahm.

Finales Konzert Love Letter mit gespaltenen Eindrücken

Als finaler Höhepunkt stand schließlich das Konzert mit dem Titel „Love letters“ für den Sonntagabend auf dem Programm. Und dieses erfüllte auch größtenteils die Erwartungen, die sechs Songs aus dem gleichnamigen 2020er-Album – ein Jahr später um vier weitere Kompositionen ergänzt – sind im Allgemeinen ein mustergültiges Beispiel für ein Crossover von diversen musikalischen Einflüssen.

Die Lieder überzeugen durch ein harmonisches Übergehen der zwei musikalischen  Welten. Das gilt jedenfalls größtenteils, allerdings gibt es ein Element, bei dem dieses Vorhaben nicht zu 100 Prozent gelingt: der Gesang. Obgleich die Stimme von Alev Lenz an sich eine schöne Färbung hat, fügt sich der englischsprachige Gesang nicht organisch in die Musik ein. Östlich angehauchte westliche Pop-Musik plus englischsprachiger Gesang, da ist die Gefahr groß, dass es gleich automatisch in Richtung manierierter Sixties-Rock geht – und das tut es auch. Und damit auch in die unglückliche Kategorie ‘westliche Popmusik mit lediglich ausschmückenden indischen Folklore-Elementen’.

Besonders deutlich wird dies gleich im Opener, bei dem man in den Vocals Anleihen an Kate Bush durchhört und sich sofort gedanklich von der östlichen Kultur verabschiedet. Etwas besser funktioniert das Ganze etwas später als die sich leicht überschlagende Stimme eher in Richtung Elizabeth Frazer von den Cocteau Twins bewegt, deren exotische Anmutung passt sich besser der musikalischen Umgebung an. Einmal schreitet Shankar auch selbst ans Mikrofon, vorher sampled sie einen Sitar-Lauf und lässt ihn im Loop spielen. Ihre sprechend vorgetragene Einlage kommt aber eine Spur zu belehrend rüber; die Absicht mag ja gut sein, doch zu viele Botschaften aussenden zu wollen, kann einen Auftritt auch ziemlich zäh wirken lassen.

Anoushka Shankar – Rein instrumental am überzeugendsten – orientalischer oder jazzy

Am allerbesten klingen Anoushka Shankar und ihre Band auf dem Konzert allerdings wenn sie rein instrumental musizieren – ohne Gesang und ohne andere Spracheinlagen – und wenn sie dabei zwei ganz bestimmte Richtungen einschlagen. Die eine ist die arabisch-orientalische Variante, die mit ihrer getragenen – und hin und wieder sich im Laufe eines Songs steigernden – Grundstimmung bestens für das Auskosten der Sitar-Klänge eignet. Und die andere ist der Jazz, der mit seinem Raum für Improvisationen ebenfalls ein optimales Fundament für ein Solo-Instrument wie die Sitar darstellt. Davon macht Shankar reichlich Gebrauch und beweist immer wieder ihre Virtuosität am Instrument. Gelernt ist gelernt, denkt man sich immer wieder als faszinierender Zuhörer und Beobachter, der Papa war eben ein musikalisches Genie und hat dies erfolgreich auf seine Tochter übertragen können.

Anoushka Shankar in Concert
Der Abschluss des Reflektor-Festivals in der Elbphilharmonie fand mit dem Konzert von Anoushka Shankar und ihren begleitenden Musikerinnen ein gefeiertes Ende. Foto: Daniel Dittus / Elbphilharmonie

Fazit-Frage: Stand der Dinge 2021?

Womit das eingangs zitierte Statement des Schriftstellers V.S. Naipaul nun erneut überprüft werden sollte. Ist die indische Musik nach wie vor „von westlicher Musik bis zur Lächerlichkeit beeinflusst“? Nach diesem Konzert würde der Autor sagen: Nein, das ist sie nicht. Aber nur dann, wenn sie sich wirklich in allen musikalischen Bereichen vom Westen emanzipiert. Gesang und Texte müssen nicht auf Englisch sein, zumal sich bei dieser Art von Musik auch ein lautmalerischer, non-verbaler Vortragsstil sehr gut integrieren lässt. Und: eine zu starke Zuwendung zur westlichen Popmusik macht ebenso wenig Sinn, zum Jazz – der ja wiederum starke afro-amerikanische Wurzeln hat und sowieso eher universell ausgerichtet ist – allerdings schon, wie auch eindrucksvoll an dem Abend bewiesen.

Diesmal keine Kritik an der Akustik: Bestnote für den Großen Saal

Ein Extra-Lob ist an dem Abend der Akustik im Großen Saal der Elbphilharmonie auszusprechen. Der Klang war vorzüglich, lediglich das Schlagwerk hin und wieder zu dominant. Doch dies ist eine Frage der Einstellung des Mischpults und hat nichts mit der Halle zu tun. Damit wird jedoch auch erneut nur die These bestätigt, dass der viel gescholtene Große Saal sich akustisch am besten für Kammermusik und kleinere Besetzungen eignet. Ein etwas vergiftetes Kompliment, denn dafür wurde er bekanntlich nicht gebaut, sondern für große Orchester… Doch auf diesem Konzert konnte das egal sein; der außerordentlich schöne, warme Klang im Saal sorgte ebenso zur Verzückung des Publikums bei wie die musikalischen Leistungen auf der Bühne von Anoushka Shankar und ihren musikalischen Compagnons.

von Cyrh Rhida