Neugründung: Fjodor M. Dostojewskij-Gesellschaft Hamburg-St. Petersburg

Die Hamburger Dostowjewski-GesellschaftHorst Wegner (Beirat der Chopin Gesellschaft Hamburg-Sachsenwald), Ellen Lackner (Gründerin der Deutschen Dostojewski- Gesellschaft e.V. vor 25 Jahren und 1. Vorsitzende der gerade neu gegründeten Fjodor M. Dostojewskij-Gesellschaft Hamburg-St.Petersburg e.V.), Daniel Nerlich ( Schauspieler Schauspielhaus Hannover), Dr. Daniela Nerlich (2. Vorsitzende) , Klaus Funke (Schatzmeister) und Louise Grandjean (Harfenistin, Hochschule für Musik und Theater Hamburg)

Die zweite Veranstaltung Fjodor M. Dostojewskij-Gesellschaft Hamburg-St. Petersburg macht Appetit auf mehr

Einen abwechslungsreichen Kulturabend bot die kürzlich neu gegründete Fjodor M. Dostojewskij-Gesellschaft Hamburg-St. Petersburg e.V. bei Boysen+Mauke, der Buchhandlung im JohannisContor. Unter dem Motto „Weiße Nächte“ gab es eine Lesung des Schauspielers Daniel Nerlich aus der gleichnamigen Erzählung des russischen Meisterschriftstellers, umrahmt von musikalischen Delikatessen der Harfenistin Louise Grandjean und eingeblendeten Illustrationen von Ilja Glasunow.

Etwas überraschend erschien dem Besucher der Lesung zunächst die Umgebung der Veranstaltung im 1. Stockwerk von Boysen+Mauke. Eine Buchhandlung ist im Prinzip nichts Ungewöhnliches, doch würde man annehmen, dass dicke Wälzer über Staats-, Patent- und Insolvenzrecht einer romantischen Grundstimmung eher schaden könnten. Im Falle Dostojewski ist dies jedoch anders gelagert, geraten doch seine Helden häufig in einen Strudel von Problemen und verlieren den Boden unter den Füßen. Da können nebenan in den Regalen platzierte Bücher über Recht den Zuhörern der sehr gut besuchten Veranstaltung nicht so verkehrt sein, vermitteln sie doch zumindest etwas Sicherheit in einer sonst immer bedrohlicher werdenden Situation der Geschichten des russischen Schriftstellers.

In der 1848 erschienenen Liebesgeschichte „Weiße Nächte“ trifft die Hauptfigur während eines Spaziergangs in einer der hellen Sommernächte St. Petersburgs auf ein siebzehnjähriges Mädchen. Sie beginnen miteinander über ihre Träume und ihre innere Vereinsamung zu sprechen und verabreden sich für die darauf folgenden Abende. Nastenka ist bereits in einen anderen Mann verliebt, doch dieser meldet sich nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg nicht mehr. Mit der Zeit verliebt sich nun ebenso der Ich-Erzähler in das Mädchen und möchte gern die Rolle seines Vorgängers übernehmen. Die Situation sieht für ihn gut aus, doch da sendet die große Liebe von Nastenka wieder ein Lebenszeichen. Damit sterben alle Hoffnungen für den Protagonisten, der von einem Moment zum anderen vom Mädchen stehen gelassen wird. In Dostojewskijs einzigem kurzen Liebesroman wird leichtfüssig, in ruhigem Ton dargestellt, wie grausam Liebe sein kann, die keine Rücksicht auf die Gefühle von anderen nimmt und den Ich-Erzähler scheinbar gebrochen zurücklässt. Der letzte Satz des Romans wurde zum Zitat: „O mein Gott! Eine ganze Stunde der Seligkeit! Ist das etwa wenig, selbst für ein ganzes Menschenleben?“

Schauspieler Daniel Nerlich vom Staatstheater Hannover hob in seinem gelungenen, nuancierten Vortrag genau dieses Paradox gekonnt hervor. Aufkeimende Gefühle des Erzählers, die angesichts der relativ neuen Bekanntschaft zuerst unterdrückt und dann – kontrolliert – geäußert werden auf der einen sowie feurige, hin und her schwankende Leidenschaft der jungen Frau auf der anderen Seite, wurden vom Sprecher eindrucksvoll vorgetragen und gestisch untermalt.

Die Harfenistin Louise Grandjean

Die Harfenistin Louise Grandjean Foto C. Yaman

Hervorragend dazu passend war die Auswahl und Präsentation der musikalischen Kompositionen für den Abend. Der Dramaturgie des Textes folgend, bildeten „Première Arabesque“ von Claude Debussy, die Lautensuite BWV 997 von Johann Sebastian Bach und Paul Hindemiths Sonate für Harfe den idealen Soundtrack für die bewegende und philosophisch angereicherte Novelle von Dostojewski. Louis Grandjean von der Hochschule für Musik und Theater bewies mit ihrem Auftritt ihr großes Talent an diesem Instrument.

Die neu gegründete Gesellschaft stellt ihre Arbeit unter das Motto: „Dostojewskij und Wir“. Fragen wie zum Beispiel „Warum sollen man heutzutage überhaupt noch Dostojewskij lesen? Weshalb haben seine Romanfiguren nichts an Aktualität eingebüßt?“ sollen unter anderem beantwortet werden.

Die nächsten Veranstaltungen in 2015 der Fjodor M. Dostojewskij-Gesellschaft Hamburg-St. Petersburg e.V. sind wie folgt:

  1. September – Ernennung zum Ehrenmitglied von Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Rothe, Universität Bonn, die Laudatio halten: Prof.em. Dr.phil. Dr h.c. Wolf Schmid und Ellen Lackner (Gründerin der Deutschen Dostojewskij – Gesellschaft e.V.). Der Vortrag geht an dem Abend ausnahmsweise nicht über Dostojewski, sondern über Leo Tolstojs „Krieg und Frieden” von Prof. Hans Rothe.
  2. Oktober – „Aus einem Totenhaus“: Verschwörung, Verurteilung, Verbannung, ein Vortrag von Christian Kühn.
  3. November – „Aus einem Totenhaus“: Inhalt, Technik, Wirkung, ein Vortrag von Christian Kühn.
  4. Dezember – „Weihnachten in der Katorga“, Lesung von Rolf Nerlich.

Alle Termine finden in der Buchhandlung Boysen+Mauke, Große Johannisstraße 19, statt. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Der Eintritt beträgt 8 Euro, für Mitglieder 5 Euro und für Studierende frei.