Falling Matters – Gravity Listening Sessions im Resonanzraum

Gruppenfoto eines Tanz-EnsemblesDas Ensemble von Falling Matters Foto: Florian Scmuck

Folgt der Tanz der Musik oder begleitet Musik den Tanz? 

Ein ausgiebiger Forschungsprozess manifestiert sich mit Falling Matters auf der Bühne. Die Choreographin Victoria Hauke und der Komponisten Andi Otto arbeiten seit gut zehn Jahren international zusammen. Eine Konstante war immer wieder die Frage:

Folgt der Tanz der Musik oder begleitet Musik den Tanz? 

Gewiss, diese Frage ist paradox, denn das Henne-Ei-Problem ist mit vordergründiger undifferenzierte Logik nicht lösbar. Denn absurdes kann nur künstlerisch und nicht logisch beantwortet werden.

Das Bühnenbild von Falling Matters wird von speziellen Boden-Instrumenten dominiert. Die Frage nach der Henne und dem Ei wird in einem tanzend bespielten, elektronisch resonierenden Zwischenraum beantwortet. Alle Klänge, welche die Körper auf dem Holzboden der präparierten Bühnen erzeugen, transformieren sich zu Tönen.

Die leise Unschärfe der Realität

Die live gestaltete Komposition dieser Töne wird dabei erst hörbar, sobald ein Körper sich bewegt. Was genau erklingt, lässt sich weder vom Komponisten noch vom Tanz vollständig kontrollieren. Tänzer und Komponist verlieren darüber Kontrolle. Sie müssen sich der leisen Unschärfe der Realität, die in einem sinnlich erfahrbarer Raum voller Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment entsteht, beugen.

Obwohl zusätzlich ein Schlagzeuger im Raum agiert, geht es vor allem um die leisen Momente, um Lageenergie, um die Ruhe vor dem Fall, um spitze Ohren und die Poesie, wenn Körper und Klang zusammen „Jetzt“ sagen. 

Falling Matters im Resonanzraum Hamburg

Reduktion auf das Wesentliche

Falling Matters ist das Ergebnis einer gemeinsamen Stückentwicklung getragen vom Tänzer*Innen-Team, dem Komponisten und Perkussionisten.

In zyklisch strukturierten Gravity Listening Sessions führt das Team das minimale Bewegungs- und Klangmaterial in immer wieder neue Formen. Zwischen Tanz, Perkussion und Live-Klangregie spannt sich ein lebendiges, wandlungsfähiges Dreieck auf.

In diesem Zwischenraum entsteht die Musik, die algorithmisch erzeugt wird, mit Software, die eigens für diesen Zweck programmiert wurde. Das Moment der Unschärfe und des Kontrollverlustes wird von den tanzenden Körpern, die den Algorithmus aufbrechen, erzeugt.

Der Titel Falling Matters bezeichnet die performenden Körper als fallende Materie, we are falling matters, wobei diese Materie besondere Formen von Wissen, von Lernen und Erinnerung besitzt. Das Wissen steckt in allen Zellen, und eben nicht nur im Gehirn. Der elektronische Sound des Stückes wird von diesem Körperwissen produziert, was ihn – so glauben die Künstler – spannender, berührender und organischer macht als manch eine elektronische Komposition aus dem Tonstudio.

Gleichzeitig geht es in Falling Matters darum, das Fallen als formgebendes Moment einer Bewegung zu sehen, das keineswegs trivial ist. Wer etwa eine Kampfsportart erlernt, muss sich intensiv mit der Kunst des Fallens auseinandersetzen. Man kann Fallen sogar als produktive Grundlage eines Lebensentwurfs oder einer Gesellschaft denken: Falling is something that matters. Anstatt Fortschritt einfach linear zu konzipieren, als größer-weiter-besser-schneller, geht es bei der Idee des Fallens auch um zyklische Regeneration. Das Zurücknehmen von Energie in der Bewegung wird zur Hingabe an die Schwerkraft, die neues Potenzial mitbringt. Fallen dient als Neubeginn eines Zyklus, hilft beim Ausatmen und Schwungholen. 

Falling Matters bearbeitet die paradoxe Idee eines immer neuen Loops: Wiederholung ist Veränderung… wie ein Groove, der zwar ein Pattern stoisch wiederholt, aber dennoch immer anders klingt. In den besten Momenten atmet die Idee des Zyklisch-Neuen durch die individuellen Bewegungen und Klänge ebenso hindurch wie durch die Struktur des ganzen Abends, der gleichzeitig Musiktheater, Séance, Konzert und Tanzperformance ist.

Falling Matters – Gravity Listening Sessions im Resonanzraum

Premiere: 29.08.2019
Weitere Vorstellungen: 30. und 31.08.2019, 22. und 23.10.2019
Wo: Resonanzraum, Bunker an der Feldstraße, Hamburg St. Pauli

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