Theaterpremiere: Great Expectations – Große Erwartungen

Mann mit FrauSzenenbild GREAT EXPECTATIONS Foto: The English Theatre / Stefan Kock

Gelungene Bühnen-Adaption des Charles Dickens-Klassikers im The English Theatre of Hamburg.

Sehr Sehenswert:

Dazu gehört Mut: sich als Theater-Regisseur an einen der größten Roman-Klassiker der englischen Literatur heranzuwagen und diesen für die Bühne zu adaptieren. Wenn es sich dann auch noch um eines der berühmtesten „Epischen Monumente“ von Charles Dickens handelt, das Theater der Aufführung hingegen eher klein ausfällt und mit einer minimalistischen Bühnentechnik auskommen muss, dann wird dieser Mut zum Wagemut… Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es hat funktioniert, und zwar großartig – Hut ab vor Regisseur Paul Glaser!

Um die sich über plus-minus zwei Jahrzehnte erstreckende Handlung des Entwicklungsromans „Great Expectations“ dem Zuschauer verständlich zu machen, hat Glaser zu einem ebenso einfachen wie probaten dramaturgischen Mittel gegriffen: der Stimme des Autors aus dem Off…! Während die Schauspieler bei abgedunkeltem Licht allesamt selbst mit anpacken, um bei den Szenenwechseln das Bühnenbild in Höchstgeschwindigkeit ab und neu wieder aufzubauen, unterrichtet der Autor das Publikum über den Fortgang der Handlung bis zur nächsten Szene, wobei dazwischen zum Teil Jahre liegen…

Mann mit Frau
Szenenbild GREAT EXPECTATIONS Foto: The English Theatre / Stefan Kock

Die Story

Der Roman bzw. das Stück begleitet einen armen, verwaisten Dorfjungen namens Philip, genannt „Pip“, der darum kämpft, aus seinen beengten Verhältnissen hinauszuwachsen in ein besseres Leben. Auf dem Wege von der Pubertät bis hin zum frühen Mannesalter  begegnet er einer Vielzahl unterschiedlicher Charaktere, die jeder für sich eine bstimmte Rolle bei der Gestaltung seiner Zukunft spielen. Da sind zunächst seine wesentlich ältere, hartherzige Schwester und ihr Ehemann, der freundliche, aber bildungsferne Dorfschmied Joe, die den Waisenjungen bei sich aufziehen.

Drei Männer in einem Boot
Szenenbild GREAT EXPECTATIONS Foto: The English Theatre / Stefan Kock

Während Mrs. Joe ihren ungeliebten Bruder so schnell wie möglich loswerden will, zeigt Joe liebevoll-väterliche Gefühle und kümmert sich um den Jungen, so gut er kann. Hinzu kommen Figuren wie die wohlhabende, verbitterte alte Jungfer Miss Havisham, die vor Jahren von ihrem Bräutigam vor dem Altar im Hochzeitskleid stehen gelassen wurde, darüber den Verstand verlor und seitdem leicht verwirrt in ihrem zerschlissenen Brautkleid mit Schleier herumgeistert… Des weiteren ihr schönes, aber gefühlskaltes Mündel Estella, von der verlassenen Braut aus Frust über ihr Schicksal zur Männerhasserin erzogen, was Pip aber nicht daran hindert, sich hoffnungslos in Estella zu verlieben… Und dann ist da noch ein entflohener Sträfling mit Fußketten, der Pip am Elterngrab auf dem Friedhof bedroht und ihn dazu bringt, ihn mit Essen und Werkzeug aus der Schmiede zu versorgen, um sich von seinen Ketten zu befreien…

Dame
Szenenbild GREAT EXPECTATIONS Foto: The English Theatre / Stefan Kock

Ein paar Jahre später taucht dann zum passenden Zeitpunkt in Pips Leben ein geheimnisvoller Wohltäter auf, der sich von einem Anwalt vertreten lässt und dessen Identität lange Zeit verborgen bleibt. Nachdem Pip sich dank der ihm zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel nach London begeben und sich dort peu à peu zu einem „echten“ Gentleman, sprich dünkelhaften Snob entwickelt hat, trifft ihn die Enthüllung der wahren Identität seines Gönners wie ein Schock…

Nach den Jahren des Kampfes um Anerkennung, Erfolg und gesellschaftlichen Aufstieg steht er plötzlich vor der grundsätzlichen Entscheidung, was im Leben wirklich zählt: Sind Reichtum, Ansehen und sozialer Aufstieg alles, oder gibt es nicht doch Wichtigeres? Die Entscheidung, die Pip für sich trifft, führt zwar nicht zu einem „Happy End“ nach Hollywood-Manier – das wäre denn doch etwas zu kitschig und auch nicht mehr Charles Dickens, sondern eher Jane Austen. Aber immerhin führt die Läuterung beider Protagonisten durch ihr jeweiliges Schicksal doch noch zu einem versöhnlichen Ende.

Das Fazit

Eine großartige Aufführung mit tollen Schauspielern, die allesamt gleich in mehrere Rollen schlüpfen. Nach einem vorwiegend ruhigen und besinnlichen ersten Akt läuft die Inszenierung im zweiten Akt zu dramatischer Höchstform auf mit Blitz und Theaterdonner, einer abenteuerlichen Flucht im Boot, einem Brautkleid, das in Flammen aufgeht – und das alles auf offener Bühne!

Gespielt wird „Great Expectations“ im English Theatre of Hamburg noch bis zum 29. Oktober 2022. Unbedingt ansehen – sehr gute Englischkenntnisse sind allerdings Voraussetzung! Hilfreich ist es, vor dem Theaterbesuch wenn schon nicht den ganzen Roman, so doch wenigstens seine Zusammenfassung im Internet durchzulesen. Weitere Infos und Tickets unter www.englishtheatre.de

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