Alster Business Lounge: Wird Hamburg zur Zweitligastadt?

Dr. Peter Tschentscher und Wolfgang E. Buss, GastgeberAlstertal Business Lounge August 2019: Dr. Peter Tschentscher mit dem Gastgeber Wolfgang E. Buss (vl) Foto: Kai Wehl

Hamburgs erster Bürgermeister war zu Gast in der Alster Business Lounge und stellte sich den Fragen.

Die Alster Business Lounge, zu der der Verleger Wolfgang E. Buss regelmäßig einlädt, ist der Netzwerkevent im Alstertal und in den Walddörfern für Entscheider aus der örtlichen Wirtschaft, Politik und Kultur.

Das Thema in diesem August war die die Zukunft und der Zustand Hamburgs. Ist alles Gold und glänzt oder entwickelt sich Hamburg zur Zweitliga-Stadt? Als Gesprächspartner konnte Wolfgang E. Buss dafür keinen geringen als den Ersten Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher gewinnen. Nun, der Bürgermeister wurde zwar nicht gegrillt, doch die Fragen hatten es, bei aller Sympathie und Freundlichkeit, doch in sich.

Wird Hamburg zur Zweitligastadt?

Beim Fußball sind wir Zweitligastadt. Wir haben den HSV und den FC. St. Pauli. Damit kann man, wenn man kein Fußballfan ist, ganz bestimmt Leben. Aber, wie schaut es in den wirklichen wichtigen Bereichen: in der Wirtschaft, dem Verkehr, dem Wohnungsbau oder dem Zusammenleben, aus? Hier äußerte Wolfgang E. Buss seine Zweifel und formulierte daraus seine Fragen an unseren Bürgermeister

Es geht nicht darum Container zu zählen

Die Entwicklung im Hafen stockt seit Jahren, die Elbvertiefung ist eine unendliche Geschichte, auch wenn sie jetzt begonnen wurde. Rotterdam und Antwerpen haben Hamburg abgehängt. Was läuft da schief? 

Erstens: Es geht bei der wirtschaftlichen Bedeutung des Hafens nicht ums Zählen von Containern. Die Bedeutung unseres Hafens für den gesamten Wirtschaftsstandort ist enorm.
Wir haben seit Jahrhunderten unsere wirtschaftliche Kraft aus der maritimen Wirtschaft und aus der guten Logistik geschöpft. Da geht es nicht um den einzelnen Container, aber wir dürfen nicht abgehängt werden. Dabei kommt es darauf an, dass der Hafen modern wird, dass er digital ist, in Zukunft auch klimafreundlicher wird.
Aber wir haben mit der Elbvertiefung einen großen Anschlussschritt genommen, bei dem die größten Containerschiffe den Hamburger Hafen ausreichend gut erreichen. Deswegen ist es jetzt sehr plausibel, dass im ersten Halbjahr die Containerzahlen wieder ansteigen.
Ich sehe unseren Hafen gut aufgestellt, er ist nach wie vor ein Standbein unserer wirtschaftlichen Stärke. 

Ein schlechter Tag in Hamburg ist so wie ein normaler Tag in München

Egal mit wem man kurz spricht. Die Staustadt Hamburg ist ein großes Thema. Aktuell haben wir 790.000 Fahrzeuge im Verkehr und bekommen jedes Jahr 10.000 dazu. Und das bei einer Zweitliga-Verkehrsplanung. Wann lösen Sie die Staus auf? 

Die ZEIT hat eine sehr umfassende Vergleichsuntersuchung gemacht und festgestellt: Ein schlechter Tag in Hamburg ist so wie ein normaler Tag in München. Je größer die Städte werden, desto schwieriger wird es. Wer einmal in Paris oder London Auto gefahren ist, weiß das.
Gleichwohl ist unser Konzept, die Mobilität in Hamburg zu verbessern, die leistungsfähigsten Verkehrsträger, die es gibt, voranzubringen: die Schnellbahnen.
Wenn wir die neue U5 bauen, das U- und S-Bahnnetz verdichten, erhalten wir einen wichtigen Schub von Leuten, die nicht mit dem Auto fahren und umsteigen können.
Und alle, die umsteigen, machen Straßenraum frei für die, die dann noch Auto fahren wollen oder müssen. Deshalb ist der U-Bahn- und Radwegebau gerade nicht gegen Autofahrer gerichtet. 

Wir können an den Elbbrücken keine Eintritt-Verboten-Schilder aufstellen

Hamburg wächst, weil auch immer mehr Menschen aus ländlichen Gebieten zu uns kommen und die Stadt sehr attraktiv ist. Dadurch wird immer mehr gebaut, die Lebensqualität sinkt. Was kann man da tun? 

Hamburg hat in den 80er-Jahren auch Einwohner verloren. Seit einigen Jahren erleben wir, dass Menschen sich wieder zum Quirligen, Urbanen hingezogen fühlen. Wir können diesen Trend, den man weltweit sieht, nicht abstellen. Ich glaube nicht, dass der noch 100 Jahre weitergeht. Trotzdem können wir nicht an den Elbbrücken ein Schild aufstellen: „Aus Bayern kommt hier keiner mehr rein“.
Wir müssen der Nachfrage Raum geben und das geht auch. Hamburg ist von der Fläche fast so groß wie Berlin, hat aber nur halb so viele Einwohner. Wir haben Potential, das Wachstum so zu organisieren, dass die Lebensqualität steigt und nicht geringer wird. Wir haben ja nicht vor, doppelt und dreimal so groß zu werden. Wir müssen unsere Stadtstruktur, dass wir eine grüne Stadt sind, überhaupt nicht ändern. 

Wir haben Flüchlinge ‚wunderbar‘ aufgenommen

In Hamburg leben rund 600.000 Menschen mit Migrationshintergrund. Sie sagten kürzlich, das sei eine „wunderbare Entwicklung“ das sei „urbane Vielfalt“. Die Deutschen sind bald gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund zwar noch die größte Gruppe, bilden aber nicht mehr die absolute Mehrheit. Warum finden Sie diese Entwicklung „wunderbar“? 

Wenn Sie die Leute fragen, was die Probleme der Stadt sind, kommt ganz oben „günstige Mieten“, dann kommt das Thema Verkehr und dann kommen ganz, ganz viele Themen.
Das Thema Flüchtlinge kommt, wenn es überhaupt auf der Liste auftaucht, ganz unten. Warum? Weil wir es wunderbar hinbekommen haben, mit viel Bürgerengagement, vielen Aktivitäten der Behörden und der Wirtschaft, die Flüchtlinge gut aufzunehmen und ihnen, soweit es geht, Ausbildung und Arbeit zu ermöglichen.
Wir sind eine Stadt, die es gewohnt ist, mit vielfältigen Lebensweisen, Religionen, Kulturen zu leben und eben diese Vielfalt nicht als etwas Negatives zu empfinden.
Es gibt auch in einzelnen Vierteln Probleme, die müssen wir lösen, aber wir dürfen nicht in eine Stimmung wie in Sachsen verfallen. Wo Probleme sind, sollten wir sie angehen, aber ansonsten ist diese Vielfalt wirklich eine Stärke.

Das Fazit des Abends

Im Anschluss an das Gespräch entwickelte sich eine muntere Diskussion. Der Bürgermeister einer Stadt ist auch immer Ansprechpartner für kleine Details und vieles knirscht eben leider auch in Hamburg. Was banal klingt, ist für einzelne Unternehmen oder Personen eine starke Belastung.
Zwar nicht so durchgehen massiv wie in Berlin, aber bei einigen Details würde man sich schon über ein Zweitliga-Niveau freuen.

Auch wenn die politischen Präferenzen der Anwesenden meist eher anderen Parteien gehören, Dr. Tschentscher hat sich insgesamt gut geschlagen. Das lag auch daran, dass weitgehend auf Politsprech und leere Worthülsen verzichtet. Vieles was in Hamburg nicht vorankommt ist der allgemeinen politischen und rechtlichen Situation, die sich wie Mehltau über Deutschland gelegt hat, geschuldet und kein Ergebnis schlechter Arbeit im Rathaus.

Bei der Alster Business Lounge gesehen

Von ganz-hamburg.de u.a. gesehen: Christina Block, Klaus Baumgart mit Ilona Schulz-Baumgart, Kurt Boedewig, Gaby Gaßmann, Bernd und Anja Glathe, Nicolaus Giercke, Roman Köster, Schauspieler Hans Peter Korff mit Christiane Leuchtmann, Thorsten Laussch, Sir Michael Lou, Burkhardt Müller-Sönksen, Oliver Nannen, Peter Strahlendorf, Ulrich und Kristina Tröger, Bernd Wehmeier

Möglich gemacht haben die Alster Business Lounge, neben dem Magazin Verlag Hamburg, das Restaurant del, Nord-Ostsee Automobile, Dahler & Company, Hamburger Volksbank, Manke Bau, Rindchen’s Weinkontor, M-POINT Network, LVM Versicherung Hintz&Hintz und San Pellegrino.

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