Wie aus einer Klostersiedlung das weltweit bekannte Amüsierviertel St. Pauli wurde

Cafe Keese die Kiezlegende auf der Hamburger ReeperbahnNachtleben in Hamburg: Die Reeperbahn mit der Kiezlegende Cafe Keese © ganz-hamburg.de

Besonders christlich ging es selten auf St. Pauli zu. Dazu ist dieser Hamburger Stadtteil viel zu irdisch vergnüglich.

Die Rede ist natürlich von Hamburg St. Pauli. Wer hätte gedacht das Deutschlands wahrscheinlich bekanntestes und verruchteste Ausgeh- und Vergnügungsviertel seine Ursprünge in der Ansiedlung eines Klosters hatte?

Tatsächlich sind die ersten Spuren einer Siedlung am Hamburger Berg die eines Nonnenklosters des Zisterzienserinnenklosters. So unschuldig die Geschichte St. Paulis begann, so wechselhaft blieb sie. Von der Klostersiedlung über eine Handwerker- und Armensiedlung hin zu einem Stadtteil, in dem kein Wunsch unerfüllt bleibt, St. Pauli kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Wie entstand der Stadtteil, in dem man ebenso schnell ein Escort in Hamburg finden wie Konzerte besuchen und sich beim Glückspiel versuchen kann?

Vom Kloster zur Armensiedlung

Nicht weit von dort, wo heute der Fischmarkt liegt, gründeten Zisterziensernonnen 1247 ein Kloster. Das Kloster am „Hamburger Berg“ lag zwischen der Hansestadt Hamburg und einem Fischerort, aus dem einige Zeit später Altona entstehen sollte.

Auf Druck des Hamburger Rates verließen die Nonnen das Kloster am Hamburger Berg nach nur 50 Jahren, da das Gebiet militärisch genutzt werden sollte. An der Stelle des Klosters entstanden daraufhin Armensiedlungen, die von der Hamburger Bürgerschaft mehr geduldet als erlaubt waren. Denn sie befanden sich direkt vor den Stadtmauern. Kurz vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieg wurden die Armensiedlungen und die Hügel auf denen sie sich befanden planiert. Das Material sollte für den Ausbau der Hamburger Befestigungsanlagen genutzt werden. Außerdem durften kein Baum, kein Strauch und schon gar kein Haus, das freie Schussfeld von den Wällen beeinträchtigen.

Die mächtigen Verteidigungsanlagen der Stadt schützen Hamburg tatsächlich von den unvorstellbaren Verwüstungen in Deutschland zwischen 1618 und 1648. Aber die Gebiete von Eimsbüttel, Rotherbaum, St. Georg und das heutige St. Pauli lagen fortan vor den Stadttoren Hamburgs – ein Zustand an dem sich in den nächsten 200 Jahren nichts ändern sollte.

Offiziell war aus diesem Grund, und damit das Schussfeld von den Wällen nicht beeinträchtig wurde, auch eine Ansiedelung nach Ende des Krieges nicht erlaubt. Aber die Ärmsten der Stadt konnten sich ein Heim innerhalb der Stadtmauern nicht leisten. Daher wuchs St. Pauli nach dem Krieg wieder. Hier siedelte sich jeder an, der zu arm war, um in der Stadt zu leben oder in der Stadt nicht willkommen war.

So entstand in St. Pauli bereits im 17. Jahrhundert ein Hotspot. Eine Mischung aus Handwerkern, dem Gastgewerbe samt Amüsierbetriebe und von Prostitution. Auch der „Pesthof“ Hamburgs lag in diesem unerwünschten Stadtviertel, in dem die Armen ausgegrenzt wurden.

Erotischer Clubeingang auf St. Pauli
Hamburg St. Pauli – Eingang zum Oliva Jones Club, Große Freiheit
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Die Reeperbahn entstand, als es in Hamburg eng wurde

Für den Reichtum Hamburgs war der Überseehandel und der Hafen von entscheidender Bedeutung. Daher gab es in Hamburg auch schon früh viele Handwerker, die Taue und Seile für die Schiffe der Hanse produzierten.

Für das Gewerbe dieser „Reepschläger“ war viel Platz nötig – Platz den es innerhalb der Stadtmauern nicht gab. Schließlich mussten die Bahnen, auf denen bis zu 300 Meter lange Seite von Hand hergestellt wurden, entsprechend lang wurden. Dem Bevölkerungs- und Platzdruck im Innern der Stadt ausweichend, verlegten die Reepschläger ihr Handwerk nach St. Pauli. Die Reeperbahn war geboren und auch heute erinnern Straßennamen wie die Seilerstraße von diesem Handwerk.

Die Handwerker, die Gastwirte und die Amüsierbetriebe St. Paulis lockten das Hamburger Bürgertum aus der Stadt an und die Siedlung am Hamburger Berg wurde zu einem beliebten Ausflugsziel für die Stadtbewohner. Bis zum Jahrhundertwechsel 1800 war aus der Armensiedlung Hamburgs Amüsier- und Ausgehviertel geworden.

Leuchtwerbung auf der Großen Freiheit Hamburg
Shooter’s Table Dance – Große Freiheit Hamburg St. Pauli © ganz-hamburg.de

St. Pauli wurde innerhalb von vier Tagen aufgegeben

Nach 15 Jahren Krieg zwischen dem revolutionären Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, löste sich das Reich durch den Reichsdeputationshauptschluss 1806 auf und französische Truppen besetzten große Teile Deutschlands. Auch in Hamburg marschierte eine französische Armee ein und die Stadt wurde Teil des Departements der Elbmündungen und des französischen Kaiserreichs. Weitgehend unzerstört überstand Hamburg selbst die bis 1814 dauernde „Franzosenzeit“ aber nicht das außerhalb der Wälle liegende St. Pauli.

Um die Stadt verteidigen zu können, befahl die französische Stadtregierung den Bewohnern von St. Paulis 1813 innerhalb von nur vier Tagen ihre Häuser zu verlassen. In nur drei Tagen brannten fast 800 Gebäude nieder um freies Schußfeld zu schaffen. Zu einem Kampf um Hamburg kam es nie. Die französische Besatzung übergab russischen Truppen kampflos die Stadt, nachdem Napoleon 1814 abgedankt hatte.

Straßenszene auf der Reeperbahn
Nachtleben in Hamburg – St. Pauli Reeperbahn © ganz-hamburg.de

St. Pauli floriert fast ununterbrochen – bis heute

Fast als wäre nichts gewesen wurde St. Pauli innerhalb weniger Jahre wiederaufgebaut und wurde wieder zu dem Ausgehviertel, in dem sich Hamburger Bürger abends im Zirkus, beim Tanz, in Bordellen oder dem 1841 als Urania-Theater gegründeten St. Pauli-Theater.

Den größten Aufschwung erlebte St. Pauli, als 1861 die Torsperre aufgehoben wurde – also St. Pauli zu jeder Tages- und Nachtzeit von Hamburg erreichbar war, und die Einführung der Gewerbefreiheit 1865.

So gut wie keine Krise der Welt konnte St. Pauli wirklich etwas anhaben. Selbst die Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre machte sich nur kurz bemerkbar. Mit den goldenen Zwanzigern blühte das Stadtviertel wieder auf. Alle nur erdenkliche Unterhaltung war in St. Pauli zu finden – von Varietéshows über Operetten bis hin zu den ersten Jazzklängen.

Die ganz unterschiedlichen Angebote von St. Pauli mit Betrieben, die legale Unterhaltung anboten und jenen, die eher illegale Unterhaltung anboten, machten den Reiz des Viertels aus. Hier konnte jeder den Nervenkitzel spüren, während man auf dem schmalen Grat zwischen dem Gesetz des Staates und dem der Unterwelt wandelte. Das große Angebot von Prostitution allein war der Grund, warum in Hamburg diese nicht wie überall sonst in Deutschland verboten wurde. Machtlos konnten die Hamburger Behörden dem Treiben nur zuschauen und es dulden.

Das Hamburger Krimi Theater
Das Krimitheater Hamburg an der Reeperbahn © ganz-hamburg.de

Auch der Zweite Weltkrieg beendete den Mythos St. Pauli nicht

St. Pauli wurde im Zweiten Weltkrieges nicht von Bombenangriffen verschont, dafür war es viel zu hafennah, und viele Gebäude waren nach dem Krieg nur Trümmer. Doch schon kurz nach dem Kriegsende eröffneten 1945 die ersten Kneipen, Clubs und Tanzsäle. Wenn schon der Bauch leer war, mein kaum Wohnraum hatte und fror, die Menschen wollen tanzen und sich vergnügen. Da Hamburg der Überseehafen der britischen Besatzungszone war, kam schnell wieder internationales Publikum nach St. Pauli.

Noch heute Lokale der Zeit wie der Kaiserkeller, das Top Ten oder der Star Club allgemein bekannt. Hier begannen tief in der Nacht die Karrieren von berühmten Musikern. Die Beatles erlernten ihr Handwerk in nächtelangen Auftritten im Top Ten und im Star Club und wurden hier vom Hamburger Plattenproduzenten Bert Kaempfert entdeckt – mit dem sie ihren allerersten Plattenvertrag abschlossen. Damals noch als Begleitband des britischen Musikers Tony Sheridan.

Selbst in den dunkelsten Kriegsjahren war das älteste Gewerbe der Welt auf St. Pauli aktiv. In der Nachkriegszeit und während des Wirtschaftswunders boomte die Prostitution und das Sex-Business.

Hamburg war als Welthafen besonders international und traditionell toleranter. Doch es gab eine Kehrseite. Die Szene wurde internationaler. Es brache Zuhälterkriege, die irgendwann mit Waffengewalt gelöst wurden aus. Kiezgrößen tauchten auf und verschwanden.

Es kam, wie es kommen musste, in den 1970er Jahren hatte St. Pauli ein sehr schlechtes Image und galt als No-Go Zone. Der Umschwung setzte in den 1980er Jahren ein. Musicials wie Cats, das Schmidts und andere neue Theater lockten ein neues Publikum an. Studenten, Künstler und Einwanderer entdecken den Kiez neu als Wohnquartier.

Kultkneipe in Hamburg
Hamburgs härteste Kneipe: Der Elbschlosskeller Hamburger Berg 38 © ganz-hamburg.de

Heute konzentrieren sich in St. Pauli Theater, Musicals, Kultur, Vergnügung, Musik-Clubs, Bars, Restaurants aller Preis- und Qualtitätsstufen auf engen Raum. Auch Hamburgs härteste Kneipe wie der Goldene Handschuh oder Elbschlosskeller Natürlich gibt es immer noch Erotik, doch im Vergleich zur Vergangenheit ist das fast ein Restposten.

Ein Tipp für alle Hamburgbesucher, St. Pauli und die Reeperbahn mit ihren vielen Seitenstraßen sollten sie eigentlich nicht tagsüber besuchen. Der Grund ist, Sie werden enttäuscht sein, denn es nichts los. Kommen Sie lieber abends, wenn die Neonwerbung leuchtet und sich auf dem feuchten Asphalt spiegelt.

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