Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns – echte Dialogangebote oder nur Lippenbekenntnisse?

Versammlung Eines Ehrbaren KaufmannsVersammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns 2017 - Gunter Mengers, Tobias Bergmann, Olaf Scholz (vl) Foto: ganz-hamburg.de

Deutlicher Appell an Tobias Bergmann, dem neuen Präses der Hamburger Handelskammer bei der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns und Premiere für den Hamburger Bürgermeister

Die Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zum Jahresschluss in Hamburg gehört zur Kaufmanns-Tradition und hat seinen ganz festen Platz im Kalender. Tradition und Hamburgensie, die Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zum Jahresschluss, immer am letzten Arbeitstag, in Hamburg zeigte, wie tief immer noch die Gräben sind und wie konfliktreich das Klima in und um die Handelskammer ist. Der in großen Teilen der Kaufmannschaft sehr kritisch gesehen neue Kammerpräses Tobias Bergmann bekam am Ende seiner einstündigen Rede durchaus wohlwollenden Applaus.

Zur traditionellen Veranstaltung der ältesten Wirtschaftsvereinigung Hamburgs, die Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns (VEEK), kamen an die 1.800 Gäste in den Börsensaal der Handelskammer und erlebten auf den weißen (nicht sehr bequemen) Holzklappstühlen nicht nur einen erwartbaren Schlagabtausch zwischen dem VEEK-Vorsitzendene und Bilderbuch Hanseaten Gunter Mengers und dem umstrittenen Handelskammer-Präses Tobias Bergmann.

Olaf Scholz – die erste Rede seit 500 Jahren 

Auch eine Premiere oder ein Tabubruch (?) war zu verzeichnen, denn erstmals sprach der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz vor den Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

„Hamburg ist wirtschaftlich stark. Aber es ist auch klar: Das darf uns nicht genügen.“ Olaf Scholz.

Olaf Scholz stellte in seiner Rede launig fest, dass erstmalig ein Hamburger Bürgermeister hier zu Wort käme. Er verzichtete allerdings darauf Beiträge seiner rund 200 Vorgänger im Amt  darzulegen. 

Wohlweislich ging Olaf Scholz nicht auf die aktuellen Grabenkämpfe rund um die Handelskammer ein. Seine Rede, wie konnte es auch anders sein, kreiste um die Erfolgsbilanz des Senats, die sich schon sehen lassen kann, und um die Herausforderungen vor denen der Wirtschaftsstandort Hamburg (Verkehrsinfrastruktur weiter ausbauen, digitalen Umbau meistern, Wissenschaftsstandort stärken, mehr Wachstum als Basis für einen Sozialstaat) steht. Nur in einem kryptischen Nebensatz, streifte er den schiefen Haussegen beim direkten Nachbarn:

„Sich dem Neuen öffnen, sich an Veränderungen anpassen, das gehört zum kaufmännischen Ethos dazu. Meckern ist in der Regel kein Geschäftsmodell – Optimismus und Zukunftsorientierung sind die Perspektiven der Hanseaten“. Olaf Scholz

Gunter Mengers – verbindliche Worte, doch auch deutliche Kritik

Eröffnet wurde die Versammlung mit der Rede von Gunter Mengers (VEEK), der für hanseatischen Kaufmann schon pointiert argumentierte und immer wieder Kritik an dem umstrittenen Präses des Handelskammer anbrachte, die in der Regel mit kräftigen Applaus bedacht wurde.

„Sehr geehrter Herr Bergemann, befreien Sie uns von unsere Skepsis. und geben Sie uns Sicherheit dass die Handelskammer nach den Wirren der letzten Monate in der jetzigen Konstellation zum Wohle Hamburgs denkt und auch entsprechend handelt“ so Gunter Mengers in seiner Eröffnung.

Nicht nur, dass er bedauerte, dass ehemalige Präsies, Vizipräsides und Vertreter des Ehrenamts aus bekannten Gründen nicht anwesend waren. Ziemlich offen griff er die Legitimation der neuen Führung, die gern viel über Demokratie schreibt, an. Denn es haben sich nur weniger als 20 Prozent der Unternehmen (die übliche Wahlbeteiligung) an der Wahl beteiligt. Wer nicht wählt sagt eben auch eben auch: „nicht das Bedürfnis zu haben, etwas zu verändern.“

Er sei beunruhigt. In der Handelskammer ist die Unruhe groß. Die verkündeten Ziele und Ankündigungen sind seiner Meinung nach teilweise abenteuerlich. Die Hamburger Wirtschaft und die Mitarbeiter sollten nicht ein Versuchslabor für unklare Ideen und Vorstellungen werden. Unter großen Applaus dankte Mengers noch dem nach Querelen mit Bergmann ausgeschiedenen Hauptgeschäftsführers Hans-Jörg Schmidt-Trenz  (Abfindung immerhin stolze 775 K Euro). 

Tobias Bergmann warnte vor Hamburger Selbstzufriedenheit und fordert mehr Dynamik

Die Rede von Tobias Bergmann war nicht wirklich überraschend, durchaus gut gebaut, doch die Spannung zwischen ihm und großen Teilen des Publikums blieb erhalten.  

Dabei war seine Hauptthese, ein zu hoher Grad der Selbstzufriedenheit in der Hamburger Wirtschaft durchaus zutreffend, seine Standortvergleiche waren plausibel und sauber formuliert. Er räumte auch ein, dass er Kritik an der neuen Führung nachvollziehen konnte und rief zum Dialog auf. Die Zukunft wird zeigen, ob ihm das zusammen mit der neuen Geschäftsführerin, der 53-jährige Christi Degen, die für deutlich weniger Gehalt (man spricht von 180 K Euro inklusive Pensionsregelung) antritt, gelingen wird oder ob es lediglich Lippenbekenntnisse waren.

Bergmann fordert eine neue Aufbruchsstimmung 

„Es wird zukünftig unmöglich sein, Stärke und Wohlstand ohne dynamische Weiterentwicklung zu halten. Hamburg wird also entweder zu den Gewinnern oder zu den Verlierern gehören. Ein Unentschieden gibt es nicht,“ so Tobias Bergmann

Bergmann forderte eine neue Aufbruchsstimmung. Der Wirtschaftsstandort Hamburg braucht einen Kompass. Die Stadt müsse sich vor allem darüber klar werden, worauf sich der wirtschaftliche Wohlstand der Zukunft gründen solle und wofür Hamburg als Wirtschaftsstandort international stehen solle. Mit seiner Rede wolle er Antworten auf diese Fragen nicht vorwegnehmen. Sie sei vielmehr als Startpunkt eines Dialogs gedacht. Zu diesem Dialog lade die Handelskammer im Jahr 2018 ein. „Eine starke Kammer sind wir dann, wenn wir Wirkung erzielen.“

Es gehe nicht darum, Forderungen aufzustellen, sondern zu realisieren. Das setze bei einer heterogenen Mitgliedschaft und verschiedensten Interessen am Standort einen fundierten Dialog voraus.

„Beim Thema Selbstzufriedenheit und mangelnde Dynamik pflichte ich ihm bei, das stimmt! Aber, ansonsten kommt mir Herr Bergmann so vor, wie jemand der gerade den Führerschein gemacht hat, sich einen Porsche 911 gekauft hat, damit auf der Nordschleife des Nürburgrings unterwegs ist und feststellt, Autofahren ist doch etwas schwerer als in der Fahrschule. So macht man das einfach nicht.“ bewertete ein Zuhörer die Rede Bergmanns.

Bergmann sieht, wenig überraschend, zukünftig drei Handlungsfelder Wissenschaft, Hafen und Internationalität auf die es sich zu konzentrieren gelte.

Wissenschaft

Der Handelskammer-Präses ermutigte die Hamburger Unternehmerinnen und Unternehmer, stärker als bisher in die heimische Wissenschaft zu investieren und Forschungs- und Entwicklungsprojekte wann immer möglich in der Stadt zu vergeben.

„Mein Eindruck ist, dass wir, die Hamburger Wirtschaft, in der Vergangenheit zu oft als fordernde Kritiker gegenüber der Wissenschaft aufgetreten sind. Wir waren zu selten der kritische Förderer“, so Bergmann und forderte mehr Drittmittel aus der Hamburger Wirtschaft, dabei bot er die Handelskammer bei Vermittlung an.

Der Präses verwies auch auf die Bedeutung der Dualen Ausbildung hin: „Gerade wir als Handelskammer wissen, dass die Fachkräfte von morgen nicht nur die Studenten von heute sind.“  Im ersten Halbjahr 2018 solle es einen „Digitalisierungsgipfel Ausbildung“ geben und ferner habe er eine ehrenamtliche Task Force eingesetzt, um die Duale Ausbildung noch attraktiver zu machen.

Hafen

Bergmann sieht die Zukunft des Hafens nicht im quantitativen Wettbewerb. Er warnt vor einem naiven  Wettbewerb gegen Rotterdam oder Antwerpen. Als Kern einer künftigen Hafenstrategie sieht er die  Ansiedlung von produzierendem Gewerbe im und um den Hafen sein, um die Wertschöpfung zu erhöhen. Die Voraussetzungen hierfür müssten in der Metropolregion partnerschaftlich geschaffen werden. Denn in Hamburg können die Flächen nicht allein bereitstellt werden.

Der Kleine Grasbrook sollte zu einem international sichtbaren Leuchtturm zu entwickeln. „Ich wünsche mir, dass der Grasbrook künftig über Hamburg hinaus mit ‚Innovation‘ verbunden wird.“ Dafür müsse die Stadt einen „Urbanen Innovationspark“ schaffen, der moderne Formen des Arbeitens, Forschens und Wohnens miteinander kombiniere. Insbesondere müssten auch exzellente Wissenschaft und Start-Ups dort ihren Platz haben.

Im Kern geht es darum, Forschungseinrichtungen, Gründer und etablierte Unternehmen zusammen zu bringen – und eine Infrastruktur zu schaffen, in der aus Ideen und Forschungsvorhaben schnell neue Produkte und Unternehmen hervorgehen“, sagte Bergmann. 

Internationalität

Hamburg sollte zu Magneten für internationale Fachkräfte werden. Hier liegt die Hansestadt im Deutschland zurück. Internationalität hat einen harten ökonomischen Nutzen: Offenheit für Innovation, Transfer von Know how und Einbindung in globale Märkte.

„Mehr internationale Fachkräfte in Hamburg lösen mehr Dynamik in unserer Wirtschaft aus“, so Bergmann.

Neubürgern sollte der Start in Hamburg leichter gemacht werden. Viele Gespräche mit ausländischen Unternehmern und Fachkräften hätten ihm das gezeigt, Er könne sich vorstellen, das Welcome Center in der Handelskammer zu einem umfassenden Serviceangebot für ausländische Fachkräfte auszubauen – etwa mit Unterstützungsangeboten für die Jobsuche von mit umgesiedelten Partnern, bei der Suche nach Kinderbetreuung, Schule und Wohnung oder mit Patenprogrammen. Auch etliche Vorgehensweisen seinen noch viel zu bürokratisch.

 

Das Fazit der Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns

Bergmanns Rede war solide, erkennbar niederbayrisch gefärbt, doch wenig mitreißend und wurde eher spärlich von Applaus unterbrochen. Am Ende reagierte das Publikum wohlwollend. Ein dynamischer Aufbruch klingt anders und braucht keine gute Stunde Redezeit.

Das Schlusswort von Gunter Mengers: „Herr Bergmann, Sie haben sich gut geschlagen.“ zeigte, dass den Beteiligten schon wichtig ist, dass die Zukunft konstruktiv gestaltet wird.

Sichtlich waren Bergmann und Mengers bemüht den Konflikt zu begrenzen, denn es steht sehr viel auf dem Spiel. Doch Zweifel sind nicht von der Hand zu weisen.

Wenn es Bergmann gemeinsam mit der neuen Geschäftsführerin Christi Degen nicht gelingt einen echten Dialog mit wesentlichen und prägenden Hamburger Firmen aufzubauen, dann demontiert sich die stolze und einflussreiche Hamburger Handelskammer selbst. Darunter wird auch die Reputation einzelner Plenumsmitglieder leiden, denn nicht jeder lebt im Geschäft von Institutionen wie Gewerkschaften, denen eher eine tendenziell wenig selbstbewusste Handelskammer am Herzen liegt. 

Wenn die Duale Ausbildung so wichtig ist, warum werden dann werden dann Gebührenerhöhungen bei den Prüfungsgebühren geplant und Betriebe, die nicht Ausbilden de facto entlastet?

Wenn das Plenum den Anspruch hat, für die gesamte Hamburger Wirtschaft zu sprechen, warum verwenden die ‚Kammer sind Wir‘-Mitglieder ihre „Wahlkampf-Fotos“ im Web-Auftritt der Handelskammer? Wichtige impulsgebende Unternehmen und Champions fehlen fast vollständig im Plenum. 

Es wäre eine Überraschung gewesen, wenn Bergmann zu seinem gebrochenen Haupt-Wahlversprechen, die Pflichtbeiträge bis 2020 abzuschaffen, klar Stellung genommen hätte. Schade, das hätte sehr souverän gewirkt.

 

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